Gleichgewicht, Wohlstand und Evolution
Interview mit Eric D. Beinhocker, Senior Fellow am McKinsey Global Institute und Autor von "Die Entstehung des Wohlstands", über die Komplexitätsökonomie, die mit Hilfe der Evolutionstheorie die Entstehung und Vermehrung von Wohlstand erklärt.
Wie kam die moderne Wirtschaftswissenschaft dazu, naturwissenschaftliche Ideen aufzugreifen?
Beinhocker: Die Initialzündung für ein interdisziplinäres Arbeiten erfolgte im Jahr 1987 bei einem Workshop im Santa Fe Institute (SFI) in New Mexico, an dem führende Ökonomen und Naturwissenschaftler teilnahmen. Die Initiative für dieses Treffen ging aber nicht von den Wissenschaftlern aus, sondern von John Reed, dem damaligen CEO der Citicorp. Er war mit den bisherigen Modellen der Wirtschaftswissenschaften unzufrieden und suchte nach neuen Methoden, wie die globale Wirtschaft erklärt werden konnte.
Was geschah bei dem Workshop am Santa Fe Institute?
Beinhocker: Man könnte sagen, es prallten zwei Welten aufeinander. Ökonomen und Naturwissenschaftler stellen den jeweiligen Stand ihrer Disziplinen vor. Dabei zeigte sich: Die Methodik und die damit erarbeiteten Modelle der Wirtschaftswissenschaft waren hoffnungslos veraltet.
Woran lag das?
Beinhocker: Im Grunde war die Wirtschaftswissenschaft zum reinen Selbstzweck geworden. Sie stellte die Wirtschaft als lineares Gleichgewichtssystem theoretisch dar und beschrieb etwas, das in der Realität nicht vorkam. Das zeigte sich ganz deutlich an den zahlreichen vereinfachenden Annahmen, die erforderlich waren, damit die Modelle funktionierten.
Was ist falsch an dem Gedanken des linearen Gleichgewichts?
Beinhocker: Er ist bereits in seiner Grundanlage limitiert. Die Wirtschaftswissenschaften sollten eine exakte Wissenschaft sein. Daher haben die Nationalökonomen im 19. Jahrhundert das Gleichgewichtskonzept der Physik auf ihr Fachgebiet übertragen. Das erfordert aber zahlreiche restriktive Annahmen, die mit der Realität nichts zu tun haben: Die Menschen müssen z.B. stets vollkommen rational handeln und über sämtliche Informationen verfügen, die sie für ihre Entscheidungen benötigen. Auch die Welt, in der sie leben, ist eine stark idealisiert. Die Unternehmen arbeiten stets mit optimaler Effizienz, alle Produkte werden zu einem einheitlichen Preis gehandelt, der zudem noch durch eine zentrale Instanz gesteuert wird (z. B. Auktionen). Auch die Mengen in einem Markt sind stets optimal verteilt, es gibt weder Kapazitätsengpässe noch Überproduktion, und so weiter. Trotz dieser Schwächen - der traditionelle Gleichgewichtsansatz hat maßgeblich zu unserem heutigen Wirtschaftsverständnis beigetragen. Das ist mir sehr wichtig.
Aber er entspricht nicht der täglichen Realität.
Beinhocker: Das ist richtig. Wer entscheidet schon rein rational? Wer wäre überhaupt fähig, ein totales Informationsangebot zu verarbeiten – wenn er sie denn hätte? Die reale Welt ist wesentlich komplexer, als es die Modelle der traditionellen Wirtschaftslehre abbilden können. Die Gleichgewichtstheorie blendet komplexere Problemstellungen aus und erklärt sie zu exogenen Variablen, die nicht weiter untersucht werden müssen. So werden z.B. der technologische Wandel oder Konjunkturschwankungen als rein zufällige äußere Kräfte abgetan, und die Wirtschaft bewegt sich von einem temporären Gleichgewicht zum nächsten.
Die Wirtschaft als also offenes Ungleichgewichtssystem?
Beinhocker: Ja, als komplexes adaptives System. Dieses Konzept, wie auch die Unterscheidung von offenen und geschlossenen Systemen, war den frühen Ökonomen noch nicht bekannt. Und es wird von traditionellen Ökonomen bis heute konsequent ignoriert. Wäre die Wirtschaft ein geschlossenes Gleichgewichtssystem, so müssten wir einen Trend hin zu immer weniger Ordnung, Komplexität und Struktur beobachten. Geschlossene Gleichgewichtssysteme kennen keine spontane Selbstorganisation; sie erzeugen keine komplexen Muster und Strukturen, und sie bringen nichts wirklich Neuartiges hervor. All das bunte Leben, die Strukturen und Aktivitäten, die wir täglich um uns herum beobachten, wären in einem geschlossenen Gleichgewichtssystem nicht möglich.
Kann in solch einem System überhaupt Wohlstand entstehen?
Beinhocker: Eigentlich nicht. Wohlstand wird in einem allgemeinen Gleichgewichtssystem nicht neu erzeugt, vielmehr verfügt die Welt von Beginn an über eine bestimmte Menge von Ressourcen, und der Wohlstandskuchen ist sozusagen immer schon fest vorgegeben. Die Ressourcen werden von Produzenten zu Waren verarbeitet, die wiederum an die Konsumenten verteilt werden. Diese Wohlstandsverteilung kann mehr oder weniger effizient erfolgen, aber die Wirtschaft kann in diesem geschlossenen System keinen neuen Wohlstand erzeugen.
Wie sieht dagegen ein realistisches Modell aus?
Beinhocker: Will man die Entstehung wirtschaftlicher Strukturen beschreiben, also quasi den Ursprung von Wohlstand, darf man Konsumenten, Produzenten, Technologien und Märkte nicht als gegeben voraussetzen. Bahnbrechend ist das Modell von Joshua Epstein und Robert Axtell. Mit ihrer computersimulierten "Zuckerwelt" zeigen sie in einem Interaktionsmodell von Akteuren, dass Wohlstand bereits durch einen sehr einfachen Evolutionsprozess vermehrt und neu verteilt werden kann.
Diese Simulationen ist das Paradebeispiel für eine neue Wirtschaftswissenschaft?
Beinhocker: Zuckerwelt eröffnet eine völlig neue Sichtweise auf das Wirtschaftsleben und hat damit sicherlich eine Vorreiterrolle. Die Rechnerleistung moderner Computer macht es heute möglich, ein Wirtschaftssystem "in silico" komplett durchzumodellieren. Das Modell erfüllt alle Kriterien der Komplexitätsökonomik: Es ist ein offenes, dynamisches Ungleichgewichtssystem, dessen Akteure zwar unvollständig informiert, aber lern- und anpassungsfähig sind. Es gibt keine Trennung von Mikro- und Makroökonomik, vielmehr führen dynamische Beziehungsnetzwerke auf der Mikroebene zu emergenten Verhaltensmustern auf der Makroebene. Und schließlich führt ein Evolutionsprozess zu mehr Ordnung und Komplexität.
Stichwort Evolution – welche Rolle spielt sie in der Komplexitätsökonomik?
Beinhocker: Der Begriff Evolution ist keinesfalls auf die Biologie beschränkt. Die moderne Wissenschaft versteht ihn als einen Lernalgorithmus, der sich an eine veränderliche Umwelt sukzessive anpasst und kontinuierlich Wissen zusammenträgt. Entscheidend ist, dass er substratneutral ist, sich also auf einen Kern reduzieren lässt, der auf die verschiedensten Substrate anwendbar ist: Derselbe Mechanismus, der in der Biologie für die Selektion verantwortlich ist, wirkt im Prinzip auch in der Wirtschaft. Wenn Produkte sich durchsetzen oder Geschäftsmodelle erfolgreich sind, liegt stets der Suchalgorithmus der Evolution zu Grunde. Damit hilft die Evolution bei der Suche nach innovativen Lösungen komplexer Probleme.
Sehr abstrakt. Wie zeigt sich Evolutionsprozess im Wirtschaftsleben?
Beinhocker: Nehmen wir zum Beispiel ein Hemd. Bevor es in einem Geschäft zum Kauf angeboten wird, fertigen Designer unzählige Skizzen an, von denen ein Entwurf ausgewählt wird. Auf dieser Basis entstehen zunächst diverse Muster. Ein Bekleidungshersteller wählt wiederum die besten aus, die dann den Händlern angeboten werden. Einige davon nimmt der Händler und bietet sie seinen Kunden an. Der Kunde schließlich kauft unter den vielen Angeboten das Hemd, das ihm am besten gefällt. Was hier abläuft, ist nichts anderes als ein Evolutionsprozess: Differenzierung der Entwürfe, Selektion nach bestimmten Tauglichkeitskriterien, Amplifikation und Zulassung der erfolgreichen Entwürfe zur nächsten Produktionsstufe. Der Evolutionsalgorithmus schafft es zuverlässig, aus dem Möglichkeitsraum aller möglichen Hemden in einem überschaubaren Zeitraum die guten Entwürfe herauszufinden. Und dieses Prinzip wirkt nicht nur im Modemarkt, sondern in der gesamten Wirtschaft.
Welche konkreten Handlungsanweisungen für Geschäftsführer und Produktverantwortliche ergeben sich hieraus?
Beinhocker: Das Geheimnis heißt Risikostreuung durch Variation. Die Komplexitätsökonomik führt uns deutlich vor Augen, dass wir unser ökonomisches Schicksal nicht bis ins Letzte steuern können. Da wir nicht wissen, in welche Richtung uns der Evolutionsalgorithmus führt, braucht es maximal viele Entwürfe im jeweiligen Möglichkeitsraum denkbarer Entwürfe. Es wäre verheerend, alle Anstrengungen auf ein einziges Produkt, eine einzige Strategie zu bündeln. Wir können die ökonomische Evolution zwar nicht vorhersagen oder dirigieren, aber wir können unsere Unternehmen mehr oder weniger evolutionstauglich gestalten. Das gilt auch für Institutionen und sogar ganze Gesellschaften, wie ich in meinem Buch zeige. Die Evolution durchsucht den Möglichkeitsraum nach geeigneten Entwürfen, und nur, was tauglich ist, wird weiterverfolgt und setzt sich durch.
Vielleicht ein Beispiel auf Unternehmensebene?
Beinhocker: Gern. Ich habe beispielsweise die Geschäftsstrategie von Microsoft bei der Einführung von Windows analysiert. Was nach außen wie ein einziger geschlossener Plan auf Grundlage bestimmter Zukunftsprognosen aussieht, war in Wirklichkeit das Resultat aus einem Portfolio von Experimenten. Ende der 1980er Jahre hatten sich PCs so weit entwickelt, dass wegen der besseren Grafik und höheren Rechnerleistung das Ende von MS-DOS absehbar war. Bill Gates setzte damals nicht allein auf die Entwicklung von Windows. Er und sein Team verfolgten gleichzeitig nicht weniger als sechs strategische Experimente: Zunächst investierte man in die Weiterentwicklung von MS-DOS, gleichzeitig ging man ein Joint Venture mit IBM beim Betriebssystem OS/2 ein und schloss diverse Kooperationen mit Unternehmen, die Unix-Projekte verfolgten, z.B. AT&T. Darüber hinaus kaufte Microsoft Anteile an einem Anbieter von Unix-Systemen und stärkte seine eigene Position als Software-Anbieter. Last, but not least investierte man in die Entwicklung von Windows.
Also verschiedene Entwürfe für den Möglichkeitsraum von Microsoft.
Beinhocker: Genau. Anstatt die Zukunft vorherzusagen, schuf Bill Gates gewissermaßen eine Population konkurrierender Geschäftspläne innerhalb von Microsoft, die das Evolutionsgeschehen im Wettbewerbsumfeld des Marktes spiegelten. Das Ergebnis war eine adaptive Strategie, die gegenüber dem potenziellen Verlauf der Geschichte robust war. Ähnlich wie Microsoft verfolgen heute diverse erfolgreiche Firmen ähnliche Portfolio-Strategien. In diesem Zusammenhang sind etwa auch Akquisitionen wie YouTube durch Google zu sehen. Niemand weiß, ob sich die Investition je amortisieren wird. Es ist zunächst einfach ein zusätzlicher Geschäftsplan, der dem Evolutionsalgorithmus als Material für sein Wirken dient. Ob er der Selektion standhält, wird sich in der Zukunft zeigen. Auf jeden Fall hat Google dadurch seine Chance auf einen tauglichen Entwurf im Möglichkeitsraum aller Geschäftspläne erhöht.