Bayerisches Erfolgsmodell in Gefahr

McKinsey-Studie: Bis zu 40 Prozent der Arbeitsplätze im Freistaat von Veränderungen durch neue Technologien betroffen – Ausgangsposition aber sehr gut, um auf Strukturbrüche und globale Trends zu reagieren – Großer Nachholbedarf bei den Themen Gründerszene und Bildungschancen

bayernDas bayerische Erfolgsmodell ist in Gefahr: Der Freistaat ist gemessen an klassischen Kennzahlen wie Produktivität, Bruttoinlandsprodukt oder Arbeitslosenquote zwar bestens aufgestellt. Bei Indikatoren zur Zukunftsfähigkeit eines Landes ist Bayern im nationalen und internationalen Vergleich jedoch nur Mittelmaß. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer neuen Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company mit dem Titel "Bayern 2025 – Alte Stärke, neuer Mut". Die Studie hat McKinsey auf eigene Initiative – also ohne Auftraggeber und Bezahlung – erstellt. Damit will die Unternehmensberatung die Debatte über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes unterstützen.

Der Handlungsdruck ist groß: "Von der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung werden 40 Prozent der Arbeitsplätze in Bayern betroffen sein und damit bedroht, wenn nicht reagiert wird", sagt Johannes Elsner, Leiter des Münchner McKinsey-Büros und Co-Autor der Studie. Zudem sei Bayerns Venture-Capital-Industrie noch vergleichsweise unterentwickelt, die Exportquote in aufstrebende Wachstumsmärkte gering. Auch beim Thema Bildungsmobilität und Chancen für Kinder aus Nichtakademikerfamilien schneidet Bayern vergleichsweise schwach ab.

Die Analyse zeigt aber auch: "Bayerns Ausgangsposition ist insgesamt sehr gut", stellt Martin Stuchtey fest, Co-Autor der Studie und Leiter des McKinsey Center for Business & Environment. Das Land habe in jeder Hinsicht das Potenzial, auf die Strukturbrüche gezielt zu reagieren und die Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Gelingen könne dies rund um Themen wie Industrie 4.0, Ressourcenökonomie oder neue Formen der Bürgerbeteiligung. Insgesamt listen die McKinsey-Autoren 15 Handlungsfelder auf, in denen sich Bayern neue Gestaltungsspielräume eröffnen könne.

Radikale Veränderungen durch globale Strukturbrüche

Der Druck auf Bayern wächst, weil das Land der Studie zufolge gleich auf mehrere globale Strukturbrüche und Trends reagieren muss: Die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung lasse neue Berufsfelder, Arbeitsformen und Produktionsmöglichkeiten entstehen. Gleichzeitig erhöhe sich durch die enge Vernetzung von Märkten und Räumen deren gegenseitige Abhängigkeit und Anfälligkeit z.B. für Marktbewegungen, Krisen und Naturkatastrophen. Die steigenden Bedürfnisse einer weltweit wachsenden Konsumentenschicht setzen zudem globale Rohstoffvorräte, Energiequellen und Anbaugebiete unter Druck. Durch verstärkte Migration – in Bayern wird 2040 voraussichtlich ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben – wird die Fähigkeit zur Integration zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. "Vertraute Muster verschieben sich – ohne dass Bayern bisher die nötige Agilität zeigt, sich auf die Veränderungen einzustellen", stellt Martin Stuchtey kritisch fest.

Als Reaktion auf die Strukturbrüche skizziert die McKinsey-Studie 15 Handlungsfelder für Bayern: Das Land sollte die Vorteile der Digitalisierung beispielsweise stärker in der Bildung, insbesondere in der beruflichen Weiterbildung, und auch in der Medizintechnik nutzen. Der Ausbau einer dezentralen Energieversorgung, ebenso wie eine "smarte Agrarpolitik", die den Einsatz von Spitzentechnologien (z.B. Präzisionsbewirtschaftung) mit bodenschonenden und tierschutzgerechten Produktionsmethoden verbindet, böten ebenso große Chancen wie neue Mobilitätskonzepte (z.B. durch neue Antriebe, autonome Fahrzeuge und Carsharing-Plattformen).

Anschubinitiativen für den Wandel

Vertrauen in den Wandel muss McKinsey zufolge durch einen durchdachten und mitreißenden Zukunftsentwurf ("Change Story"), eine verstärkte Einbeziehung und Mitbestimmung der betroffenen Bürger, Unternehmen und Institutionen sowie durch das Vorleben des Wandels durch die Politik erzeugt werden. Zudem gelte es, messbare Ziele zu setzen, klar zu kommunizieren und den Wandel durch gezielte Rahmensetzung zu unterstützen. Die Erneuerung des bayerischen Standortprofils brauche einen langen Atem und Anschubinitiativen mit Vorbildcharakter. Als Beispiele nennt die Studie u.a. die gezielte Entwicklung von Energieregionen mit hoher Selbstversorgung und Steuerungskompetenz. Die lokale Gründerszene könnte stärker gefördert werden z.B. durch verbesserten Zugang zu Venture Capital, die Bereitstellung von günstigen Büroflächen und die engere Verknüpfung technologischer Start-ups über Mentoren und Fördernetzwerke mit in Bayern ansässigen Unternehmen. Eine andere Initiative schlägt die Entwicklung eines Konzepts zur Steigerung der Ressourcenproduktivität durch regenerative Produktionssysteme und höhere Ressourcenauslastung vor.

Methodik der Studie

Für die Studie wertete McKinsey über 50 Analysen zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Bayern und vergleichbaren Regionen aus, ergänzt um erprobte Regionalentwicklungsmodelle. Zur Analyse der für Bayern relevanten globalen Trends und Strukturbrüche dienten Studien des McKinsey Global Institutes.