Sie würden ja, wenn sie könnten! So die kurze Zusammenfassung der Erkenntnisse einer aktuellen Analyse des Economic Research Teams Germany von McKinsey für Akzente.
Ein Blick auf die Konsumausgaben, gestaffelt nach Einkommen, zeigt: Fast zehn Millionen Haushalte in Deutschland, das sind fast 25 Prozent, verfügen über ein Nettohaushaltseinkommen von weniger als 2.000 Euro. Nach Abzug ihrer typisch laufenden Ausgaben (nicht diskretionär und diskretionär) bleibt ihnen am Ende des Monats kaum noch etwas übrig, was sie zurücklegen könnten. Schlimmer noch: sechs Millionen dieser Haushalte geben durchschnittlich mehr aus als sie monatlich zur Verfügung haben. Die einkommensärmsten Haushalte finanzieren sogar den gesamten frei gestaltbaren Konsum über Vermögensverzehr oder Verschuldung. Die nächsthöhere Kategorie dieser einkommensschwachen Haushalte (vier Millionen) kommt gerade so über die Runden. Erst ab der folgenden Gruppe der knapp fünf Millionen privaten Haushalte, die über Nettoeinkommen zwischen 2.000 und 2.600 Euro verfügen, gibt es einen nennenswerten Konsumspielraum.

Sechs Jahre Wohlstandszuwachs fehlen
Ein Blick auf die Ursachen dieser Entwicklung zeigt: Auch fast sechs Jahre nach dem Beginn der Pande mie haben die Reallöhne und damit die finanzielle Basis für Konsum in Deutschland noch nicht wieder das Vorkrisenniveau erreicht – vielen Haushalten fehlen sechs Jahre Wohlstandszuwachs. Eine genauere Analyse des Zeitraums verdeutlicht: Schon zwischen 2018 und 2023 sank der private Konsum in Deutschland real um rund 6 Prozent. Hauptursache dafür war die hohe Inflation (kumuliert +19 Prozent), die von einem großen Teil der Haushalte nicht durch entsprechende Einkommenszuwächse kompensiert werden konnte. Um gestiegene Preise für lebensnotwendige Ausgaben wie Wohnen, Essen und Heizen zu bewältigen (+18,2 Prozent), reduzierten viele Menschen ihre Ausgaben für frei wählbare Anschaffungen. Dieser diskretionäre Konsum fiel nominal um 1,4 Prozent, real entsprach das einem Einbruch von 17,2 Prozent. Die Tragweite dieser Entwicklung wird besonders deutlich in den Haushaltseinkommensklassen unter 2.000 Euro netto, in denen der ohnehin geringe finanzielle Spielraum (Ersparnisse) in Millionen Haushalten zwischen 2018 und 2023 trotz Konsumanpassung nahezu vollständig aufgezehrt wurde. Für viele dieser Haushalte ist es inzwischen sogar zur Regel geworden, für laufende Ausgaben in die Reserve zu greifen oder einen Kredit aufzunehmen. 35 Prozent mehr Haushalte ohne Konsumspielraum als 2018 Die inflationären Entwicklungen führten insgesamt zu einer deutlichen Verschiebung der Einkommensniveaus, bis zu denen die Menschen ohne jeglichen finanziellen Spielraum leben und arbeiten. Die Veränderung zeigt sich besonders gut in der Einkommensgruppe 1.300 bis 1500 Euro. War das Konto dieser Haushalte 2018 zum Monatsende gerade noch so im Plus (+46 Euro), mussten sie 2023 schon durchschnittlich 60 Euro aus dem Ersparten nehmen, um ihren ohnehin stark rückläufigen Konsum decken zu können. Eine Reduzierung ihres diskretionären Konsums um 12 Prozent reichte nicht aus, um die inflationsbedingten Ausgabensteigerungen bei den zwingend notwendigen Gütern des täglichen Bedarfs auszugleichen (+15 Prozent).

Bis 2023 sind dann auch viele Haushalte mit Nettoeinkünften zwischen 1.500 und 2.000 Euro in die inflationäre Zwickmühle geraten. Trotz stark rückläufiger Ausgaben für frei gestaltbaren Konsum ist auch in dieser Gruppe das finanzielle Restpolster auf nahe null geschrumpft. Das Ergebnis in Summe: Während 2018 etwa sieben Millionen Haushalte am Monatsende kein Geld mehr übrig hatten, sind es 2023 fast zehn Millionen Haushalte – ein Anstieg um mehr als ein Drittel.
Erholung mit begrenzter Auswirkung
Leicht verbesserte Konjunkturindikatoren wie insgesamt steigende Gehälter und sinkende Inflationsraten erscheinen vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. Wenn für ein Viertel der Haushalte in Deutschland jede größere Anschaffung zur unüberwindbaren Hürde wird, weil das Einkommen fast komplett in laufende Ausgaben fließt, sind gesellschaftspolitisch wie betriebswirtschaftlich andere Konzepte gefragt, um die Konsumerwartungen zu verbessern. Über die Einkommensklassen hinweg dämpfen zudem globale Konflikte und die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes die Aussichten.
