Wie künstliche Intelligenz Armut bekämpfen kann

Studie des McKinsey Global Institutes: KI kann erheblichen Beitrag zum Erreichen der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele leisten

WASHINGTON/DÜSSELDORF. Künstliche Intelligenz (KI) hat enormes Potenzial, die großen gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen der Menschheit besser zu bewältigen. In der neuen Studie „Notes from the AI frontier: Applying AI for social good“ hat das McKinsey Global Institute (MGI) untersucht, wie KI im Kampf gegen Hunger und für mehr Gesundheit sowie bei Themen wie Bildung, Sicherheit und Justiz, Gleichstellung und Integration eingesetzt werden kann. Ausgehend von rund 160 gesellschaftlichen und sozialen Anwendungsfällen kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass KI-Fähigkeiten wie das maschinelle Sehen oder die Verarbeitung natürlicher Sprache (NLP, Natural Language Processing) eine weitreichende Verbesserung bei allen 17 UN-Nachhaltigkeitszielen bewirken können. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sollen bis 2030 global und von allen UNO-Mitgliedstaaten erreicht werden. 

Praxisbeispiele zeigen die positive soziale Wirkung von KI

Weltweit könnten die neuen Technologien hunderten Millionen Menschen helfen; sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern. Wie die gesellschaftliche Wirkung von künstlicher Intelligenz aussehen kann, veranschaulicht die Studie mit detaillierten Praxisbeispielen. Dazu gehören eine KI-basierte Smartphone-App, die Blinden hilft, sich in ihrer Umgebung besser zurechtzufinden; KI-Systeme, die enorme Datenmengen aus unkonventionellen Quellen verarbeiten, um zu ermöglichen, dass in Entwicklungsländern Millionen von Menschen ein Bankkonto eröffnen können; und Lösungen, die Satelliten- oder Drohnenaufnahmen mit KI-Technologien auswerten, um z.B. nach einem Hurrikan überflutete Straßen zu ermitteln.

„Künstliche Intelligenz ist kein Allheilmittel für die Probleme dieser Welt, aber sie kann erheblich zum Wohl der Gesellschaft beitragen, bestehende soziale Bemühungen erweitern und in einigen Fällen revolutionäre Verbesserungen bewirken“, sagt Peter Breuer, KI-Experte und Seniorpartner im Kölner Büro von McKinsey. „Die größte Herausforderung ist, diese Lösungen weiterzuentwickeln und einsatzreif zu machen.“

Mit KI gegen Krankheiten und Hunger

In den vier Bereichen Gesundheit und Hunger, Bildung, Sicherheit und Justiz sowie Gleichstellung und Integration können KI-basierte Lösungen nach den MGI-Analysen besonders häufig zum Einsatz kommen. Allein im Bildungssektor könnten 1,5 Milliarden Schüler von adaptiven Technologien profitieren, die Lerninhalte auf das Niveau jedes einzelnen Schülers anpassen. In der Entwicklungshilfe kann KI mittels niedrig gelegener Sensoren und Smartphones zur Früherkennung von Pflanzenschäden eingesetzt werden, um Kleinstbauern vor Ernteausfällen zu schützen. Zukünftig könnte auch Edge-Computing-Technologie den ärmsten Landwirten die Tür zu einem datenbasierten landwirtschaftlichen Betrieb mit höheren Ertragschancen ermöglichen.

Mehrere KI-Methoden, vor allem maschinelles Sehen und NLP, sind für die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen besonders geeignet. Durch die Analyse von Bildern, Videos und Texten erkennen sie Muster, klassifizieren diese und treffen Prognosen. Anwendungsmöglichkeiten für tiefgehendes Lernen (Deep Learning) sind ebenso realisierbar. Im Bereich der Gleichstellung und Inklusion könnten Individuen z.B. automatisch für Sozialleistungsprogramme angemeldet werden, von denen sie bislang nichts wussten.

Datenschutz und sozialer KI-Einsatz

Bislang wird erst in einem Drittel der möglichen Anwendungsfälle überhaupt KI eingesetzt. Größte Hindernisse beim Einsatz für soziale Zwecke sind die Themen Datenverfügbarkeit und qualifiziertes Personal. Oft sind Daten, die sich zum Wohl der Gesellschaft einsetzen ließen, in Privatbesitz und stehen deshalb gemeinnützigen oder Nichtregierungsorganisationen nicht zur Verfügung. In anderen Fällen sind bürokratische Strukturen dafür verantwortlich, dass Daten, die sozialen Zwecken dienen könnten, unter Verschluss bleiben, obwohl sie für den Datenschutz nicht sensibel sind.

Außerdem mangelt es noch an KI-Experten, die in der Lage wären, Modelle für den gesellschaftlichen Sektor zu entwickeln – zumal sie auch in der Wirtschaft hoch gefragt sind. „Es gibt es einen enorm hohen Bedarf an Experten, die KI-Lösungen für bisher ungelöste Probleme konzipieren können“, so Peter Breuer. „NGOs und andere Organisationen, die sich für soziale Zwecke einsetzen, müssen aber ihre technischen Fähigkeiten verbessern und sich um Risiken wie Vorurteile in historischen Datensätzen kümmern, die es bei künstlicher Intelligenz zu steuern gilt.“

Ein öffentlich vieldiskutiertes Thema sehen die Autoren der Studie im Missbrauchspotenzial der KI-Methoden. KI-Algorithmen oder Datensätze könnten Verzerrungen enthalten, die bestehende Ungleichheiten sogar weiter verschärfen. Zudem müsse gewährleistet werden, dass sensible persönliche Daten geschützt bleiben.

Staatliche und private Akteure müssen mitziehen

Sowohl im privaten als auch im staatlichen Sektor müssen der Studie zufolge eine Reihe von Akteuren aktiv dazu beitragen, dass künstliche Intelligenz dem Gemeinwohl dienen kann. Wer Daten erhebt – seien es staatliche Stellen oder Unternehmen –, muss NGOs und anderen, die das Gemeinwohl im Sinn haben, einen besseren Zugriff darauf ermöglichen. Der Expertenknappheit in der Praxis lässt sich mit Ausbildungsinitiativen begegnen, die auch von gemeinnützigen Organisationen getragen werden können. Ergänzend könnten Organisationen und Technologieunternehmen, die KI-Experten beschäftigen, Zeit und Ressourcen für soziale Zwecke bereitstellen und ihre Spezialisten ermutigen, sich in gemeinnützigen Projekten zu engagieren. Solche Anstrengungen sind unverzichtbar, wenn das soziale Potenzial der künstlichen Intelligenz ausgeschöpft werden soll.