800 Mrd. Euro für Europas Verteidigung – doch Umsetzung in Fähigkeiten bleibt herausfordernd 

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Europas NATO-Staaten steuern auf einen historischen Verteidigungsaufbau zu,  der zugleich erhebliche industrie- und innovationspolitische Chancen für Europa eröffnet. Nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey & Company könnten die jährlichen Verteidigungsausgaben bis 2030 auf rund 800 Milliarden Euro steigen. Das wären etwa 300 Milliarden Euro mehr als 2025 und der größte Verteidigungsaufbau seit dem Ende des Kalten Krieges.

Die neue McKinsey-Studie „Scaling security. Building today. Securing tomorrow.“ zeigt jedoch auch: Der starke Budgetanstieg übersetzt sich bislang nur begrenzt in einsatzfähige militärische Fähigkeiten. Entscheidend sind Geschwindigkeit, die technologische Modernisierung bestehender Systeme, industrielle Skalierung und strukturelle Reformen.

Verteidigungsausgaben steigen – Umsetzung wird zur zentralen Aufgabe 

Die Analyse zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen Budgetanstieg und operativer Wirkung: Die europäischen NATO-Staaten haben sich auf ein neues Ziel von 3,5 Prozent des BIP für Kernverteidigung verständigt. Gleichzeitig liegen Ausrüstungsbestände vieler Länder weiterhin unter dem Niveau von 2021, unter anderem infolge umfangreicher Unterstützungsleistungen für die Ukraine. Zugleich wachsen Auftragsbestände und Lieferzeiten; das Verhältnis von Auftragsbestand zu Umsatz liegt bei Rüstungsunternehmen in Europa spürbar über dem Niveau der USA. Mehr als 50 Prozent großer europäischer Rüstungsprogramme sind verspätet oder überschreiten ihre Budgets. 

Ein erheblicher Anteil zentraler Systeme wird weiterhin außerhalb Europas beschafft, was die strategische Resilienz einschränkt und industrielle Abhängigkeiten verlängert. „Der Ausgabenanstieg ist historisch. Abschreckung entsteht aber erst, wenn Mittel schnell und effizient in verfügbare Fähigkeiten übersetzt werden“, sagt Björn Hagemann, Senior Partner von McKinsey. „Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, industrielle Kapazitäten, Beschaffungssysteme und technologische Modernisierung parallel zu beschleunigen.“

Während militärische Kapazitäten nur schrittweise wachsen, haben Kapitalmärkte die sicherheitspolitische Wende bereits eingepreist: Europäische Rüstungsaktien legten seit 2022 um über 400 Prozent zu und übertrafen damit US-Rüstungswerte sowie breite Aktienindizes. Venture-Capital-Investitionen in europäische Defense-Tech-Start-ups stiegen bis 2025 auf rund 2,6 Milliarden Euro – mehr als eine Verzehnfachung seit 2021. Der Abstand zu den USA bleibt jedoch deutlich: Dort flossen im selben Zeitraum rund 7,4 Mrd. Euro in Defense-Tech-Unternehmen.

Moderne Verteidigungssysteme: Vom Einzelplattform-Denken zur modularen Architektur

Moderne Konflikte verschieben die Anforderungen an Verteidigungssysteme grundlegend. Neben hochkomplexen Einzelplattformen gewinnen bezahlbare, vernetzte Systeme in größerer Stückzahl – beispielsweise Drohnen – an Bedeutung. Die Studie beschreibt hierfür eine modulare „Defense-Tech-Stack“-Architektur aus Plattformen, Rechenkapazität, sicherer Vernetzung und KI-Anwendungen. Gerade bei digitaler Infrastruktur besteht erheblicher Modernisierungsbedarf. Viele bestehende Systeme verfügen nicht über ausreichende digitale Infrastruktur und Rechenleistung, um moderne KI-Anwendungen schnell zu integrieren – eine digitale Lücke, die die Modernisierung verzögert. Hagemann: „Technologische Modernisierung und industrielle Skalierung müssen eng miteinander verzahnt werden. Nur wenn beides gleichzeitig voranschreitet, lassen sich Innovationen schnell in einsatzfähige Fähigkeiten überführen.“

Europa betreibt in nahezu allen militärischen Kategorien deutlich mehr unterschiedliche Plattformen und Systeme als die USA – von Kampfflugzeugen über Gefechtsfahrzeuge bis zu Marineschiffen. Seit 2014 hat die Fragmentierung in den meisten Kategorien weiter zugenommen. Die Folgen sind höhere Entwicklungskosten, geringere Interoperabilität und längere Modernisierungszyklen. Bis 2030 werden Europas Staaten kumulativ weit über eine Billion Euro in Verteidigungsbeschaffung lenken müssen. Um diese Mittel wirksam einzusetzen, bedarf es effizienter Verfahren, klarer Entscheidungsstrukturen und enger Abstimmung zwischen Regierungen, Industrie und Kapitalgebern.

Konsolidierung als Hebel für Skalierung und Effizienz

Besonders großes Potenzial liegt daher auch in der Konsolidierung der europäischen Verteidigungszulieferketten, vor allem in den stark fragmentierten Tier-2- und Tier-3-Segmenten wie Werkstoffe, Verteidigungs- und Sicherheitselektronik oder mechanische Komponenten. Gezielte Zusammenschlüsse in diesen Bereichen könnten laut McKinsey jährlich rund 9 Milliarden Euro an Effizienz- und Kostenvorteilen erschließen – insgesamt etwa 45 Milliarden Euro bis 2030. Neben Kosteneffekten könnte eine stärkere Konsolidierung dazu beitragen, Lieferketten zu stabilisieren, doppelte Entwicklungsarbeit zu reduzieren und Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und KI schneller zu skalieren. „Richtig umgesetzt, kann Konsolidierung Geschwindigkeit, Skalierung und Versorgungssicherheit gleichzeitig verbessern – und so die industrielle Basis Europas nachhaltig stärken“, so Hagemann.