Ein wachsender Teil der globalen Wertschöpfung konzentriert sich im Zuge des KI-Booms auf wenige Unternehmen, die mehrere Industrien gleichzeitig prägen. Das zeigt eine neue Analyse des McKinsey Global Institute (MGI), dem volkswirtschaftlichen Think Tank von McKinsey & Company. Die Studie knüpft an den 2024 veröffentlichten Report „The next big arenas of competition“ an und aktualisiert die Entwicklung von 18 sogenannten „Arenen der Zukunft“, den wachstumsstärksten und dynamischsten Industrien von KI und Halbleitern über Cloud und Robotik bis hin zu Raumfahrt und Biotechnologie (Gesamtübersicht in Schaubild unten). In den vergangenen drei Jahren sind diese Arenen rund viermal so schnell in der Marktkapitalisierung und zehnmal so schnell im Umsatz gewachsen wie der Rest der Wirtschaft und prägen damit zunehmend die globale Wachstumsdynamik.
Die Studie basiert auf einer Auswertung von rund 3.000 der weltweit größten börsennotierten Unternehmen und deren Entwicklung seit 2005. Untersucht wurden insbesondere Wachstum bei Umsatz und Marktkapitalisierung sowie die Dynamik von Marktanteilsverschiebungen innerhalb einzelner Industrien. Auf dieser Basis identifiziert das McKinsey Global Institute 18 sogenannte „Arenen“, die sich durch überdurchschnittliches Wachstum und intensive Wettbewerbseffekte auszeichnen.
KI-Infrastruktur treibt Wachstum und Investitionen
Im Zentrum der aktuellen Entwicklung steht die sogenannte „AI Foundation“, ein miteinander verwobenes Cluster bestehend aus Halbleitern, Cloud-Services und KI-Software. Diese Industrien haben seit 2022 rund 500 Milliarden US-Dollar zusätzlichen Umsatz und etwa 11 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung (Börsenwert) geschaffen.
Der Großteil dieser Wertschöpfung entsteht derzeit bei Unternehmen, die Rechenleistung entwickeln und bereitstellen. Gleichzeitig steigen Investitionen in Infrastruktur deutlich an – getrieben durch die erwartete breite Nutzung von KI in Wirtschaft und Gesellschaft. „Die Arenen sind die dynamischsten Bereiche der Weltwirtschaft. Dort entstehen Wachstum und Wettbewerb mit der größten Geschwindigkeit. Technologische Sprünge, massive Investitionen und globaler Wettbewerb verändern hier die Spielregeln grundlegend“, sagt Chris Bradley, Senior Partner und Director beim McKinsey Global Institute.
Gleichzeitig wirken diese Unternehmen als zentrale Nachfragetreiber auch in anderen Industrien: Große Technologieanbieter sichern sich beispielsweise langfristig Energiequellen, um den stark steigenden Bedarf an Rechenleistung für KI-Anwendungen zu decken.Neue Wettbewerbsdynamik: „Omniscaler“ besetzen mehrere Arenen gleichzeitig
Eine zentrale Entwicklung ist die Entstehung einer neuen Gruppe globaler Unternehmen, die die Autorinnen und Autoren der Studie als „Omniscaler“ bezeichnen. Diese Konzerne sind gleichzeitig in mehreren Arenen aktiv und verbinden Infrastruktur, Plattformen und Anwendungen. Dazu zählen Alphabet, Amazon, Apple, Microsoft, Meta, Alibaba, Samsung, Huawei sowie die Unternehmensgruppe um Tesla und SpaceX. Im Durchschnitt sind diese Unternehmen in rund sechs der 18 Zukunftsarenen aktiv, einzelne wie Alphabet sogar in bis zu neun Industrien gleichzeitig.
Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist erheblich: Gemeinsam erzielten die Omniscaler 2025 einen Umsatz von rund 2,7 Billionen US-Dollar und damit mehr als die Wirtschaftsleistung Italiens. Gleichzeitig generieren sie überdurchschnittlich hohe Cashflows und investieren mit rund 31% ihres Umsatzes deutlich stärker in Forschung, Entwicklung und Infrastruktur als andere Unternehmen.Digitale Märkte wachsen weiter, physische Industrien holen auf
Während digitale Industrien wie E-Commerce, Streaming und digitale Werbung weiterhin dynamisch wachsen mit rund 10% jährlichem Umsatzwachstum seit 2022, verschiebt sich die Dynamik zunehmend. Wachstum entsteht hier weniger durch neue Nutzer, sondern stärker durch Monetarisierung, Plattformeffekte und neue Geschäftsmodelle.
Gleichzeitig gewinnen physische Arenen an Bedeutung, befinden sich jedoch in unterschiedlichen Entwicklungsphasen: Anwendungen wie autonome Mobilität oder Robotik skalieren schrittweise, während andere Bereiche wie neue biotechnologische Therapien bereits schneller wachsen und neue Märkte schaffen.
Parallel verändern sich die Wettbewerbsmechanismen: KI greift zunehmend tief in zentrale Wertschöpfungsprozesse ein. Dies reicht von Produktentwicklung über Marketing bis hin zu Vertrieb. Neue Technologien wie KI-gestützte Assistenten oder agentenbasierte Geschäftsmodelle verschieben dabei die Kontrolle über Kundenzugang und Wertschöpfung entlang der gesamten digitalen und industriellen Wertschöpfungsketten.Europa zwischen strukturellem Rückstand und neuer Rolle
Derzeit entfallen rund 90% der Marktkapitalisierung dieser Arenen auf Unternehmen mit Sitz in den USA und China. US-Unternehmen stehen für rund 65%, europäische Unternehmen hingegen für lediglich etwa 9%. US-Unternehmen stehen für rund 65%, europäische Unternehmen hingegen für lediglich etwa 9%. Ein wesentlicher Grund liegt in der unterschiedlichen Investitionsdynamik: Europa weist eine jährliche Investitionslücke von rund 880 Milliarden Euro im Vergleich zu den USA auf – davon etwa 580 Milliarden Euro bei Unternehmensinvestitionen und mindestens 300 Milliarden Euro bei Start-ups und Scale-ups. Auch bei der Ausrichtung von Investitionen zeigen sich deutliche Unterschiede: Während in den USA rund 36% der Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie Kapitalinvestitionen in Zukunftsarenen fließen, sind es in Europa nur etwa 8%. Diese Unterschiede spiegeln sich auch im Wagniskapital wider: Europäische Unternehmen zogen zuletzt rund 25 Milliarden US-Dollar an KI-Investitionen an, verglichen mit etwa 235 Milliarden US-Dollar in den USA.
Gleichzeitig bleibt Europa in vielen Arenen präsent – jedoch häufiger in der Anwendung und industriellen Umsetzung als in den kapitalintensiven frühen Stufen der Wertschöpfung. Daraus ergeben sich neue Ansatzpunkte, etwa bei der Integration von KI in Produktion, Automatisierung, Energie und Gesundheitswirtschaft. Beispiele zeigen, dass europäische Unternehmen in einzelnen Arenen bereits relevante Positionen einnehmen – etwa SAP im Cloud-Umfeld, Spotify im Streaming oder Novo Nordisk im Bereich biopharmazeutischer Innovationen.