Die Transformation des deutschen Energiesystems erfordert in den nächsten zehn Jahren Investitionen von 780 bis 1.035 Mrd. €. Dies ist rund doppelt so viel wie in der Dekade zuvor (etwa 400 Mrd. €). Entscheidend für eine bezahlbare Energiewende ist dabei jedoch nicht allein die Höhe der Investitionen, sondern die Art ihrer Finanzierung: Denn über die Kapitalkosten lassen sich Milliardenbeträge einsparen. Ein zentraler Hebel ist es, die Energieinfrastruktur stärker als Anlageklasse für privates Kapital zu etablieren – ein Weg, den andere Länder bereits erfolgreich beschreiten. Dies geht aus dem neuen Energiewende-Index der Unternehmensberatung McKinsey & Company hervor.
Nicht das Kapital fehlt, sondern der Zugang
Den größten Teil des Investitionsbedarfs verursacht die Strominfrastruktur mit 680 bis 910 Mrd. € – rund die Hälfte davon entfällt auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Hinzu kommen die Wärmeinfrastruktur (60 bis 80 Mrd. €) sowie die Gas- und Wasserstoffinfrastruktur (40 bis 45 Mrd. €).
Der internationale Vergleich zeigt: Die entscheidende Herausforderung in Deutschland ist nicht ein Mangel an Kapital, sondern der begrenzte Zugang zu privatem Infrastrukturkapital. In Großbritannien werden rund 54 % aller Infrastrukturinvestitionen privat finanziert – 78 % dieser privaten Investitionen entfallen auf den Energiesektor. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die regulatorische Absicherung künftiger Cashflows: Das Contracts-for-Difference-Modell garantiert Offshore-Windprojekten über 15 Jahre stabile Erlöse und macht sie so für langfristig orientierte Investoren attraktiv. In den USA ist Energieinfrastruktur eine etablierte Anlageklasse – allein die großen privaten Versorger investierten 2024 rund 178 Mrd. US-Dollar in Netze, Erzeugung und Speicher.
In Deutschland dagegen wird die Energieversorgung bis heute maßgeblich von kommunalen Versorgern getragen, die traditionell konservativ über Eigenmittel, öffentliche Haushalte und Kredite öffentlicher Institute finanzieren. Der Beitrag privaten Kapitals ist bislang gering. Mit der 2025 eingeführten Infrastrukturquote wurde erstmals ein regulatorischer Rahmen geschaffen, um institutionelles Kapital stärker zu mobilisieren.
„Deutschland hat kein Kapitalproblem – das Problem ist der Zugang zu diesem Kapital“, sagt Sebastian Overlack, Partner bei McKinsey und Co-Autor der Studie. „Eine Öffnung dieser Anlageklasse allein reicht aber nicht aus. Erfolgreiche Märkte kombinieren langfristig stabile Erlösmodelle und investierbare Asset-Strukturen mit einem breiten Zugang für institutionelle Investoren. Zudem gilt es, dass das Kapital auch unkompliziert eingesetzt werden kann – ein Punkt, der vor allem für internationale Kapitalgeber entscheidend ist.“
Vier Ansätze, um privates Kapital zu mobilisieren
Aus dem Blick ins Ausland und in andere Branchen leiten die Autoren vier Denkanstöße ab, um Energieinfrastruktur als investierbare Anlageklasse zu etablieren:
- Risiken von Entwicklung und Betrieb trennen: Spezialisierte Entwickler übernehmen die Bauphasenrisiken, während langfristig orientierte Kapitalgeber in bereits errichtete, regulierte Anlagen investieren. Ein Beispiel ist das britische Offshore-Transmission-Owner-Modell (OFTO), das in 14 Jahren 28 Netzanbindungen im Wert von 12 Mrd. € an private Betreiber vergeben hat.
- Investitionen bündeln: Rund 500 der knapp 900 deutschen Energieversorger haben eine Bilanzsumme von unter 50 Mio. €. Plattformen und Fonds können fragmentierte, kleinvolumige Projekte zu investierbaren Portfolios zusammenfassen und Transaktionskosten senken.
- Governance anpassen: Special Purpose Vehicles, Joint Ventures oder Langfrist-Betriebskonzessionen ermöglichen es, privates Kapital einzubinden, ohne die öffentliche Steuerung strategisch wichtiger Infrastruktur aufzugeben.
- Kapitalstruktur optimieren: Viele Versorger sind vergleichsweise stark mit Eigenkapital ausgestattet. Eine stärkere – zum Risikoprofil passende – Fremdkapitalnutzung kann zusätzliches Kapital mobilisieren und die Finanzierungskosten senken.
Milliardenpotenzial für Verbraucher
Die Gesamtkapitalkosten im Energiesektor lagen 2025 zwischen 5,2 und 7,4 %. Durch optimierte Finanzierungsstrukturen sehen die Autoren erhebliches Einsparpotenzial: Eine Reduzierung der Eigenkapitalquote von 60 auf 40 % bei entsprechend geeignetem Risikoprofil könnte über die Jahre 2025 bis 2035 Einsparungen von 9 bis 11 Mrd. € ermöglichen. Ein Bündelansatz nach neuseeländischem Vorbild – dort reicht eine gemeinsame Finanzierungsagentur Kapitalmarktmittel bis zu 40 Basispunkte günstiger an Kommunen weiter – könnte weitere 4 bis 5 Mrd. € einsparen.
Beide Hebel zusammen könnten die Finanzierungskosten von 2025 bis 2035 um rund 13 bis 16 Mrd. € senken – umgerechnet etwa 30 bis 35 Euro pro Haushalt und Jahr. Zum Vergleich: Für den viel diskutierten Tankrabatt 2026 rechnet die Bundesregierung mit rund 1,6 Mrd. €, also einer einmaligen Entlastung von etwa 40 Euro pro Haushalt. Werden die Hebel zusätzlich auf die Refinanzierung des bestehenden Anlagenbestandes angewendet, ergibt sich ein weiteres Potenzial von kumuliert 10 bis 20 Mrd. €.
„Über die Kapitalkosten lässt sich die Energiewende spürbar günstiger gestalten – und das dauerhaft, nicht nur einmalig“, sagt Fridolin Pflugmann, Partner bei McKinsey und Co-Autor der Studie. „Die Zusammenarbeit von Politik, Eigentümern und Investoren bietet die Chance, internationale Erfolgsmodelle in einen stabilen deutschen Regulierungsrahmen zu überführen und die Finanzierung künftiger Investitionen breiter, kostengünstiger und resilienter aufzustellen.“
Hintergrund und Methodik
Der Energiewende-Index von McKinsey bietet alle sechs Monate einen Überblick über den Status der Energiewende in Deutschland. Feedback und Rückmeldung dazu sind ausdrücklich erwünscht. Einen detaillierten Überblick über den Index und die 15 untersuchten Indikatoren finden Sie unter https://www.mckinsey.de/energiewendeindex