Der globale Warenhandel wuchs 2025 trotz der höchsten US-Zölle seit dem Zweiten Weltkrieg um über sechs Prozent. Ein Drittel des globalen Handelswachstums geht auf den Boom beim Bau von KI-Rechenzentren zurück – Chips, Server und Netzwerktechnik als neue Wachstumstreiber. Weniger als 3% der von den USA umgelenkten Importnachfrage (außerhalb von Pharmazeutika) wurde von europäischen Anbietern gedeckt.
Der Welthandel hat sich 2025 als widerstandsfähiger erwiesen als weithin erwartet. Trotz massiver Zollerhöhungen, geopolitischer Spannungen und einer tiefgreifenden Neuordnung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China wuchs der globale Warenhandel um mehr als sechs Prozent. Das zeigt der neue Report des McKinsey Global Institute (MGI) „Geopolitics and the Geometry of Global Trade: 2026 Update". Die Studie analysiert Handelsströme, die mehr als 90 Prozent des weltweiten Warenhandels abdecken. Die entscheidende Erkenntnis: Zölle haben Handelsströme umgelenkt – aber nicht gestoppt. Und hinter den Schlagzeilen über Zölle verbergen sich strukturelle Verschiebungen, die langfristig weitaus folgenreicher sein könnten.
Die neue Geometrie des Welthandels
Die geopolitische Fragmentierung des Welthandels setzt sich fort und beschleunigt sich. Geopolitisch ähnlich positionierte Länder handeln zunehmend stärker miteinander, während die Handelsbeziehungen zwischen geopolitisch distanzierten Volkswirtschaften schrumpfen. Diese Entwicklung ist keine neue Erscheinung – sie zeichnet sich in den Daten seit fast einem Jahrzehnt ab. 2025 hat sie sich jedoch deutlich verschärft: Der Rückgang des US-chinesischen Handels um fast ein Drittel verdrängte mehr als 165 Milliarden Dollar aus diesem Korridor und beschleunigte eine Neuordnung, die weit über bilaterale Zollkonflikte hinausgeht.
KI verändert nicht nur die Wirtschaft – sondern auch den Welthandel
Eine der überraschendsten Erkenntnisse des Reports: Der Boom beim Aufbau von KI-Infrastruktur war 2025 der wichtigste einzelne Wachstumstreiber im Welthandel. Rund ein Drittel des gesamten globalen Handelswachstums entfiel auf Exporte von Halbleitern, Servern und Netzwerktechnik – Güter, die für den Bau von Rechenzentren benötigt werden. Die Lieferketten für diese Produkte verlaufen vor allem zwischen Taiwan, Südkorea und Teilen der ASEAN-Region. Die USA, die rund die Hälfte der weltweit neu errichteten Rechenzentrumskapazität aufbauten, waren der mit Abstand größte Nachfrager: Der US-Handel mit KI-bezogenen Gütern stieg um rund 66 Prozent oder geschätzte 220 Milliarden Dollar. KI schafft damit nicht nur Datenströme – sondern auch Warenströme.
China wird zur „Fabrik der Fabriken"
Eine weitere strukturelle Verschiebung betrifft Chinas Rolle in der Weltwirtschaft. Das Land exportiert zunehmend nicht mehr fertige Konsumgüter, sondern Maschinen, Komponenten und Industrieausrüstung – die Grundlage für die Produktion anderer Länder. Chinas Exporte von Investitions- und Vorleistungsgütern stiegen 2025 um über 175 Milliarden Dollar. Gleichzeitig fielen die Konsumgüterexporte erstmals seit 2019. China entwickelt sich damit zur „Fabrik der Fabriken" – einer Rolle, die traditionell von Deutschland besetzt wurde und die nun zunehmend von chinesischen Anbietern übernommen wird.
Deutschland mit doppelten Herausforderungen – aber auch mit neuen Chancen
Für Deutschland und Europa zeichnet der Report ein herausforderndes Bild. Die EU geriet zwischen zwei Mühlsteine: steigende Importe aus China einerseits und höhere US-Zölle auf europäische Schlüsselexporte andererseits. Der deutsche Handelsüberschuss schrumpfte 2025 um 14 Prozent – betrachtet man nur den Handel außerhalb der EU, sogar um rund 60 Prozent. Importe wuchsen mit neun Prozent fast doppelt so schnell wie Exporte.
Zwischen Deutschland und China hat sich das Handelsgleichgewicht deutlich verschoben – 2017 noch ausgeglichen, importiert Deutschland heute doppelt so viel aus China wie es dorthin exportiert. Erstmals importierte Deutschland mehr Autos aus China, als es dorthin verkaufte. Gleichzeitig brachen die Exporte in die USA um sechs Prozent ein – vor allem bei Fahrzeugen und Maschinen.
Doch der Report zeigt auch Chancen: Deutsche Unternehmen bauten ihren Handel mit anderen EU-Ländern um neun Prozent aus, und in den Schwellenländern wächst die Nachfrage nach deutschen Maschinen, Schienenfahrzeugen und Pharmazeutika – im Nahen Osten und Afrika um jeweils über zehn Prozent, in Lateinamerika um sechs Prozent.
Europa verpasst Chancen
Besonders aufschlussreich ist dabei eine vertane Chance für Europa: Als die USA ihre Importe aus China massiv reduzierten, hätte Europa als Ersatzlieferant einspringen können – schließlich produziert der Kontinent viele der betroffenen Güter. In der Praxis geschah das kaum. Abzüglich des temporären Effekts durch vorgezogene Pharmaimporte deckte die EU weniger als drei Prozent der umgelenkten US-Nachfrage. ASEAN-Länder und Indien reagierten schneller und flexibler.