Auftragsbücher wachsen, Lieferfähigkeit entscheidet: Europa muss Verteidigung und Raumfahrt schneller industrialisieren

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Europas Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie steht vor einer neuen Skalierungsphase. Während die Verteidigungsausgaben in Europa deutlich steigen und neue Investitionen in Raumfahrtprogramme erwartet werden, rückt eine Frage in den Mittelpunkt: Wie schnell lassen sich Budgets, politische Zusagen und Aufträge in verfügbare Fähigkeiten übersetzen? Anlässlich der ILA 2026 in Berlin zeigen neue McKinsey-Analysen: Europas Herausforderung liegt zunehmend in der industriellen Umsetzung. In der Verteidigung geht es darum, Aufträge schneller in Produktion, Auslieferung und Einsatzfähigkeit zu überführen. In der Raumfahrt beschleunigen zusätzliche zivile und verteidigungsbezogene Budgets den Markt und erhöhen zugleich den Druck, europäische Lieferketten, Technologien und industrielle Kapazitäten auszubauen.

Verteidigung: Auftragsbücher wachsen, Lieferfähigkeit wird zum Engpass

Die Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Staaten könnten bis 2030 auf rund 800 Mrd. Euro steigen. Gleichzeitig zeigen die industriellen Kennzahlen eine wachsende Umsetzungslücke. Mehrere große westeuropäische Verteidigungsunternehmen, die so genannten Primes, verfügen inzwischen über Auftragsbestände von rund 20 bis 100 Mrd. Euro; in einzelnen Fällen ergeben sich daraus implizite Lieferzeiten von mehr als sechs Jahren. Dies ergab kürzlich eine Studie von des ThinkTanks GLOBSEC, die McKinsey als Knowledge Partner unterstützt hatte. 

Die Nachfrage ist vorhanden, trifft aber auf Lieferketten, die entlang der Zulieferer nur ungleichmäßig skalieren. „Der historische Anstieg der Verteidigungsbudgets muss jetzt in industrielle Lieferfähigkeit übersetzt werden“, sagt Björn Hagemann, Senior Partner bei McKinsey. „Europas Abschreckungsfähigkeit entsteht durch schnellere Beschaffung, robuste Lieferketten, ausreichend Fachkräfte, verfügbare Produktionsmittel und beschleunigte Test- und Zertifizierungsprozesse. Entscheidend ist ein koordinierter Hochlauf über Primes, Zulieferer und öffentliche Auftraggeber hinweg.“

Lieferketten tiefer aktivieren

Die Analyse zeigt, dass der Nachfrageimpuls vor allem bei Primes und Tier-1-Zulieferern ankommt, während Tier-2- bis Tier-4-Unternehmen schwächere Auftragssichtbarkeit und vorsichtigere Investitionspläne melden. Gleichzeitig sitzen viele kritische Engpässe genau in diesen Stufen der Lieferkette.

Weniger als 20 Prozent der Tier-2- bis Tier-4-Zulieferer erhalten laut McKinsey-Analyse bei den meisten ihrer Verteidigungsverträge Vorauszahlungen; bei Primes und Tier 1 sind es 45 Prozent. Dadurch müssen kleinere Zulieferer einen größeren Teil des Hochlaufs vorfinanzieren – bei zugleich geringerer Planungssicherheit. Zusätzlich verlassen sich mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen bei mehr als einem Viertel ihrer kritischen Inputs auf einzelne Lieferanten.

Für den industriellen Hochlauf werden daher vor allem vier Hebel relevant: Verlässlichere Nachfrage- und Vertragssignale, Finanzierung tiefer in die Lieferkette hinein, mehr Fachkräfte und Produktionsmittel sowie schnellere regulatorische Verfahren. Die wichtigsten Engpässe liegen bei qualifizierten Arbeitskräften, Maschinen, Zulieferkomponenten sowie Test-, Zertifizierungs- und Exportprozessen.

Raumfahrt: Europäischer Markt könnte sich bis 2035 mehr als verdoppeln

Auch die europäische Weltraumwirtschaft steht vor einer deutlichen Beschleunigung. Nach neuen McKinsey-Analysen könnte der europäische Space-Markt von rund 27 Mrd. Euro im Jahr 2025 auf etwa 60 Mrd. Euro im Jahr 2035 wachsen: Die Pläne Deutschlands, in Summe 35 Mrd. Euro zusätzlich zu investieren, sind hier mit abgebildet. Damit läge der Markt deutlich über der bisherigen Prognose von rund 47 Mrd. Euro für 2035. Besonders stark wächst der verteidigungsbezogene Anteil: Dieser könnte 2035 mit 27 Mrd. Euro fast die Hälfte des Marktes ausmachen. 

„Der Weltraum wird zu einem zentralen Bestandteil europäischer Sicherheits- und Resilienzarchitekturen“, so Hagemann. „Der Markt entwickelt sich durch zivile und verteidigungsbezogene Investitionen deutlich schneller als bisher erwartet. Für Europa kommt es jetzt darauf an, Dual-Use-Fähigkeiten, industrielle Skalierung und souveräne Wertschöpfungsketten gemeinsam zu denken.“

Drei Rennen: Skalierung, Geschwindigkeit, Souveränität

Die Analyse zeigt, dass sich Verteidigung und Raumfahrt zu drei industriellen Rennen verdichten. Erstens geht es um Skalierung: Die Nachfrage steigt deutlich, die Produktions- und Zulieferkapazitäten müssen folgen. Zweitens um Geschwindigkeit: Budgets entfalten erst Wirkung, wenn sie in Verträge, Produktion, Zertifizierung und einsatzfähige Systeme überführt werden. Drittens geht es um Souveränität: Europa benötigt belastbarere Lieferketten, interoperable Systeme und eine stärkere industrielle Basis.

Gleichzeitig kann der Hochlauf einen breiteren industriellen Effekt auslösen. So sind rund 85 Mrd. Euro europäischer NATO-Ausrüstungsausgaben, die in Europa beschafft werden, mit rund 130 bis 160 Mrd. Euro an Brutto-Umsatzflüssen im europäischen Verteidigungsökosystem verbunden. Das zeigt: Gut strukturierte Beschaffung kann militärische Einsatzfähigkeit, industrielle Resilienz und wirtschaftliche Wertschöpfung gemeinsam stärken.

„Die ILA 2026 findet in einer Phase statt, in der Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung enger zusammenrücken“, sagt Hagemann. „Europa verfügt über industrielle Substanz. Der nächste Schritt ist, diese Substanz schneller, koordinierter und über die gesamte Lieferkette hinweg skalierbar zu machen.“