Die deutsche Gesamtwirtschaft tritt auf der Stelle, doch eine kleine Gruppe hochproduktiver Unternehmen zeigt, was weiterhin möglich ist. So haben unter rund 16.200 deutschen Unternehmen, die zusammen für rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts stehen, gerade einmal 29 Firmen – 0,2% der Stichprobe – 47% des gesamten Produktivitätswachstums zwischen 2019 und 2023 auf sich vereint. Dies geht aus der Studie „Produktivität. Neu gedacht. Mit mutigen Entscheidungen Wachstum für Deutschland neu definieren“ der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Sie analysiert, was diese Produktivitätschampions auszeichnet, welche Disruptionen die bisherigen Spielregeln verändern – und liefert ein konkretes Playbook mit vier strategischen Hebeln, die Unternehmen jetzt in Bewegung setzen können. Dazu gehören eine Neuausrichtung des Portfolios auf wachstumsstarke Zukunftsfelder, eine deutlich höhere Innovationsgeschwindigkeit, ein strategisch neu gedachtes Skalierungsmodell entlang globaler Wachstumskorridore sowie der systematische Einsatz von KI als neues Betriebssystem – getragen von den richtigen Fähigkeiten und Organisationsstrukturen.
Die Kraft der Wenigen
Die Produktivitätschampions kommen aus unterschiedlichen Branchen wie Telekommunikation, Pharma, Medien und Finanzdienstleistungen. Was sie eint, ist ihre Strategie: Sie haben ihre Geschäftsfelder strategisch weiterentwickelt, sich auf höherwertige Segmente konzentriert, konsequent internationalisiert und nicht gezögert, sich von Geschäftsbereichen ohne Zukunft zu trennen.
„Die entscheidende Trennlinie verläuft nicht zwischen Branchen. Was die Champions unterscheidet, ist ihre Bereitschaft, strategische Entscheidungen zu treffen und sie wirklich umzusetzen. Das klingt einfach. In der Praxis ist genau das der schwierigste Teil", sagt Jan Krause, Senior Partner bei McKinsey und Leiter der Strategy & Corporate Finance Practice in Deutschland und Österreich.
Disruption verändert die Spielregeln
Die bewährten Erfolgsstrategien bleiben das Fundament, reichen aber nicht mehr aus. Vier Disruptionen stellen Unternehmen dabei gleichzeitig vor mehrere Herausforderungen: geopolitische Verwerfungen, die Verschiebung der Leitmärkte China und USA, beschleunigte Kapitalströme in neue Wachstumsfelder und Künstliche Intelligenz. Die Zahl der Patentanmeldungen in Deutschland sank zwischen 2011 und 2023 um 13%. In China stieg sie um 311%. Schaut man auf die größten Unternehmen weltweit, entfallen auf deutsche Unternehmen in den globalen Wachstumsfeldern heute lediglich 6% des dort generierten Umsatzes – nur ein Drittel so viel wie auf chinesische Unternehmen.
„Angesichts geopolitischer Verwerfungen, des schärfer werdenden globalen Wettbewerbs und der Disruption durch KI reicht inkrementelle Optimierung nicht mehr aus. Wer das Bestehende nur effizienter macht, verliert – nicht weil er schlechter wird, sondern weil andere disruptiv vorangehen", sagt Fabian Billing, Managing Partner für Deutschland und Österreich bei McKinsey.
Das neue Playbook: Vier Hebel und ein Enabler
Die Studie identifiziert vier strategische Hebel und benennt für jeden konkrete Handlungsmaximen:
- Portfolio neu ausrichten: 18 globale Wachstumsfelder – von KI-Basisinfrastruktur und Digitalisierung über Elektrifizierung bis hin zu Biotechnologie und Space – wachsen zehnmal schneller als traditionelle Märkte. Auf deutsche Unternehmen entfallen dort bislang lediglich 6% des generierten Umsatzes. Konkret bedeutet das für Unternehmen: regelmäßige Portfolio-Reviews, konsequente Umschichtung von Investitionsmitteln (Capex), M&A auch jenseits der Branchengrenzen und konsequente Exits. Diese sind oft die härteste Disziplin, aber sie schaffen Ressourcen für neue Wachstumspositionen.
- Innovationsgeschwindigkeit erhöhen: Chinesische Autohersteller entwickeln neue Fahrzeuge in 21 statt 48 Monaten bei 40% weniger Kosten. Unternehmen, die Entwicklungsprozesse neu denken und radikale Ziele setzen, können Produktentwicklungskosten um rund 10% pro Jahr senken und Leistungsverbesserungen zwei- bis dreimal schneller realisieren. Entscheidend ist dabei, Entwicklungszeit als strategische Steuerungsgröße zu verankern, radikale Ziele als Forcing-Mechanismus zu setzen und Zusammenarbeit mit Kunden und Zulieferern in frühen Entwicklungsphasen zu intensivieren.
- Skalierung neu denken: Bis zu einem Drittel des globalen Handels könnte sich in den nächsten zehn Jahren auf neue Routen verlagern. 18 der 20 am schnellsten wachsenden Handelskorridore berühren Asien. Export reicht nicht mehr aus. Echte Markttiefe – lokale Entscheidungsstrukturen, konsequente Produktlokalisierung, dauerhafte lokale Partnerschaften und Skalierung durch Plattform-Modelle – wird zur Voraussetzung für langfristigen Erfolg.
- KI als neues Betriebssystem begreifen: Deutschland hat mit 486 Mrd. US-Dollar bis 2030 in Europa das größte KI-Automatisierungspotenzial. Davon könnten rund 80% durch agentische KI realisiert werden. Konkret bedeutet das, den Ergebnisbeitrag von KI ins Zentrum der Strategie zu stellen, statt Pilotprojekte anzusammeln, das Operating Model konsequent zu agentifizieren, Daten als strategisches Asset zu verstehen und KI-Anwendungen vertikal in einzelnen Domänen wie Supply Chain oder Vertrieb sowie horizontal im gesamten Unternehmen zu skalieren. Unternehmen, die KI konsequent als neues Betriebssystem verankern, erzielen EBIT-Verbesserungen von bis zu 40 Prozent und schaffen damit einen strukturellen Wettbewerbsvorteil, den Nachzügler kaum einholen können.
„Deutschland hat grundsätzlich sehr gute Voraussetzungen, die KI-Transformation zu gewinnen: Prozessexzellenz, tiefes technisches Wissen, komplexe Wertschöpfung. Diese Stärken können mit KI neu skaliert werden. Aber dafür muss KI als Führungsaufgabe gesteuert werden – gesponsert durch den CEO, positioniert als Transformationsprogramm und mit enger Verbindung von Business und Technologie. Rund 90 Prozent der KI-Anwendungsfälle kommen heute nicht über den Pilotmodus hinaus. Das ist die eigentliche Herausforderung und gleichzeitig die größte Chance", sagt Bernhard Mühlreiter, Senior Partner und Leiter der Tech-Allianzen von McKinsey in Europa.
- Der menschliche Faktor als Enabler: Die Herausforderung bei KI-Transformationen ist selten die Technologie. Meistens sind es fehlende Fähigkeiten und überholte Organisationsmodelle. Die Nachfrage nach KI-Fähigkeiten wächst dabei stark: In Nicht-MINT-Rollen ist die Nachfrage nach AI Fluency zwischen 2023 und 2025 um das 6,1-Fache gestiegen. In Deutschland nutzen vier von zehn Beschäftigten KI regelmäßig bei der Arbeit. In den USA fast acht von zehn. Unternehmen brauchen Multiplikatoren an der Spitze, die Transformation von innen treiben und ein Mindestmaß an KI-Kompetenz in der Breite der Organisation.
CxO-Umfrage: Transformation hat begonnen – in Unternehmenskultur und Zahlen muss sie noch ankommen
Begleitend zur Studie hat McKinsey über 80 CxOs großer Unternehmen aus Deutschland befragt. 65% sehen akuten Handlungsbedarf für fundamentale Veränderungen – sofort oder innerhalb von ein bis zwei Jahren. Nur 9% sagen, ihre aktuelle Strategie decke diesen Bedarf bereits ab. Die bisherigen Wachstumstreiber – Skalierung und Portfolio-Optimierung (25%), Restrukturierung (22%) und Digitalisierung (19%) – sind legitime Hebel, aber überwiegend inkrementell. Auffällig: Internationalisierung spielt mit nur 7% eine geringe Rolle. Für ein exportstarkes Land ist das ein wichtiges Signal.
29% der CxOs nennen Unternehmenskultur und mangelnde Veränderungsbereitschaft als größtes Hindernis – gleichauf mit Regulierung und Bürokratie (29%). Ein Teil der Hindernisse liegt außen. Ein genauso großer Teil liegt innen. Den inneren Teil können Unternehmen sofort angehen.
64% der befragten Unternehmen planen, ihre Deutschland-Präsenz stabil zu halten oder auszubauen – die Mehrheit glaubt an den Standort. Aber 22% planen eine Reduktion: Investitionen, die potenziell nicht in Deutschland landen.
„Produktivität wächst nicht im Durchschnitt. Sie wächst dort, wo Unternehmen konsequent die richtigen Entscheidungen treffen. Die Kraft der Wenigen ist eine Chance für Deutschland. Wenige entschlossene Unternehmen können Wachstum auslösen, das weit über die eigene Organisation hinauswirkt", sagt Fabian Billing.
Unternehmerischer Mut braucht den richtigen Rahmen
Neben dem unternehmerischen Handeln braucht es auch den richtigen Rahmen. Bürokratie kostet Deutschland jährlich 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung. Seit 2019 sind die Nettoinvestitionen in Deutschland von rund 2% des BIP auf 0,2% im Jahr 2024 gesunken. Produktionskosten liegen je nach Branche 35 bis 50% über dem wettbewerbsfähigsten Standort.
„Wachstumsfreundliche Regulierung, ein flexibler Arbeitsmarkt, wettbewerbsfähige Energiepreise – das sind notwendige Voraussetzungen. Die Attraktivität des Standorts zu stärken, ist eine wirtschaftliche Pflicht", so Fabian Billing. „Und trotzdem: Abwarten ist die teuerste Strategie. Der Handlungsspielraum ist heute schon größer, als die aktuelle Debatte vermuten lässt. Die Produktivitätschampions haben nicht gewartet."
Über die Studie
Die Studie „Produktivität. Neu gedacht. Mit mutigen Entscheidungen Wachstum für Deutschland neu definieren" basiert auf einer McKinsey-Analyse von rund 16.200 deutschen Unternehmen, die zusammen für rund ein Drittel des deutschen BIP stehen e. Produktivität wird dabei als Bruttowertschöpfung pro Mitarbeitenden gemessen – im Zeitvergleich unter Berücksichtigung von Preis- und Qualitätsänderungen je Sektor. Als Champion qualifiziert sich, wer mindestens einen Basispunkt zum Produktivitätswachstum der Stichprobe beigetragen hat. Der Analysezeitraum ist 2019 bis 2023. Begleitend zu der Analyse hat McKinsey im Frühjahr 2026 über 80 CxOs großer Unternehmen aus Deutschland befragt. Die Publikation ist auf www.mckinsey.de/produktivitaet-neu-gedacht verfügbar.