Wo Unternehmen heute investieren, entscheidet darüber, wo morgen produziert und Wert geschöpft wird. Eine neue Studie des McKinsey Global Institute (MGI), „Catalyzing competitiveness: Where investment happens and why“, nutzt produktive Investitionen als praxisnahen Indikator für Wettbewerbsfähigkeit. Gemeint sind damit Investitionen in nichtwohnwirtschaftliche Anlagen wie Infrastruktur, Fabriken und Maschinen sowie in geistiges Eigentum, etwa Software, Datenbanken und Forschung und Entwicklung.
Im globalen Bild driften die Investitionen auseinander: China investiert rund 5,9 Billionen US-Dollar pro Jahr in produktive Anlagen, die USA 5,1 Billionen, die EU-27 nur 3,1 Billionen. Im Nettovergleich baut China seinen Kapitalstock mit etwa 23% des BIP pro Jahr auf und fügt damit drei- bis fünfmal so viel hinzu wie die USA und Europa zusammen. Europa kommt netto, d.h. nach Abschreibungen auf alternde Anlagen, auf rund 2%, die USA auf etwa 4%. Deutschland liegt mit 0,2% am unteren Ende. Die Nettoinvestitionen reichen kaum noch aus, um den bestehenden Kapitalstock zu erneuern. Um die Lücke zu schließen, müsste Europa seine Investitionen nach MGI-Berechnungen um etwa 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen.
Deutschland im Standortwettbewerb typischerweise über 50% teurer
Die Studie untersucht zehn konkrete Investitionsfälle und analysiert die Gesamtkosten inklusive der Kapitalkosten für neue Anlagen. Sie reichen von Kernkraft und Solar über Chemie, Stahl, Batterien, Halbleiter und Pharma bis zu Rechenzentren und Entwicklungsprojekten in Automobil und Biotech. Für Deutschland zeigt sich ein durchgängiges Muster: Für Halbleiter etwa liegt der Kostennachteil bei gut 40%. Bei der Entwicklung neuer E-Auto-Plattformen liegen die Kosten für deutsche und US-Autobauer etwa drei- bis viermal so hoch wie für chinesische Hersteller; ähnlich verhält es sich bei der Entwicklung von Biopharmaka. In der Chemie ist die Polyethylenherstellung aufgrund der Erdgaspreise etwa doppelt so teuer wie in den USA oder Saudi-Arabien.
Treiber sind höhere Löhne, die nicht mehr durch höhere Produktivität ausgeglichen werden, höhere Bau- und Energiekosten, längere Projektlaufzeiten und höhere regulatorische Komplexität. Eine Baugenehmigung für nichtwohnwirtschaftliche Vorhaben etwa dauert in Deutschland im Schnitt rund 200 Tage gegenüber etwa 60 in den USA und rund 40 in China. Im industriellen Kerngebiet rund um Rhein und Rotterdam liegen die Strompreise im Schnitt bei über 150 US-Dollar pro Megawattstunde – ein struktureller Nachteil vor allem für energieintensive Industrien.
„Deutschland hat enormes industrielles Know-how. Entscheidend ist jetzt, dass Investitionsvorhaben hier wieder schneller und verlässlicher gerechnet werden können", sagt Jan Mischke, Partner beim McKinsey Global Institute. „Kosten sind dabei nur ein Kriterium. Über den Standort entscheiden auch politische Stabilität, Kapitalmarktzugang, Verfügbarkeit von Talenten und Infrastruktur. Unsere Analyse legt bewusst die reine Kostenperspektive offen.“
Handlungsperspektive für Unternehmen: Produktivität und Differenzierung
Das MGI identifiziert mehrere Hebel, mit denen Unternehmen ihre Investitionsrechnung verbessern können:
- Bauen konsequent industrialisieren: Modulare und vorgefertigte Bauweise verkürzt Bauzeiten und senkt Kosten; nach Erfahrungswerten aus dem Rechenzentrumsbau um bis zu 50% weniger Zeit und 10 bis 20% weniger Kapitaleinsatz. Vorab genehmigte Standorte können diesen Effekt zusätzlich verstärken.
- Produktivität und Automatisierung beschleunigen: Künstliche Intelligenz und Automatisierung sind zentrale Hebel, um Produktivität zu steigern und Kostennachteile in Hochlohnländern zu verringern. Arbeitsmarktflexibilität und schnellere Restrukturierung können diesen Prozess unterstützen.
- Tempo erhöhen: In innovationsgetriebenen Branchen entscheidet die Geschwindigkeit von der Entwicklung bis zur Markteinführung zunehmend über die Wirtschaftlichkeit. Regulatorische Reformen könnten Unternehmen helfen, schneller zu werden.
- Spezialisieren und differenzieren: Statt reinem Kostenwettbewerb können Unternehmen über Alleinstellung und Premiumpositionen bestehen, etwa in industrieller KI, Feststoffbatterien, industrieller Biotechnologie, Halbleiterausrüstung oder perspektivisch Kernfusion.
„Wenngleich das Investitionsumfeld sicher nicht ideal ist, bleibt Abwarten für Unternehmen die teuerste Option. Gerade große und dynamische Unternehmen können vorangehen und das Umfeld selbst gestalten.", so Mischke.