KI und Digitalisierung: 80 Milliarden Euro Potenzial im deutschen Gesundheitswesen noch ungenutzt

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Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen zeigt Wirkung, doch der überwiegende Teil des Potenzials bleibt noch ungenutzt. Digitale Anwendungen realisieren bereits einen jährlichen Nutzen von 11,5 Milliarden Euro. Gegenüber 2022 ist das mehr als achtmal so viel. Den größten Beitrag leisten papierlose Daten: E-Rezept, elektronische Patientenakte und digitale Kommunikation in Kliniken stehen für 5,9 Milliarden Euro jährlich.

Zugleich lassen sich durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz jährlich noch rund 80 Milliarden Euro an Nutzen erschließen. Das entspricht rund 17 Prozent der für 2026 adressierbaren Gesundheitsausgaben von 479 Milliarden Euro. Das Potenzial ist nicht mit einem reinen Einsparpotenzial gleichzusetzen. Es umfasst sowohl Produktivitätsgewinne als auch eine Reduktion der vermeidbaren Versorgungsnachfrage. Die größten Einzelhebel liegen ebenfalls bei der elektronischen Patientenakte mit 9,3 Milliarden Euro, der digitalen Fernüberwachung chronisch erkrankter Menschen mit 6,4 Milliarden Euro sowie digitalen Anwendungen zum Selbstmanagement chronischer Erkrankungen mit 6,0 Milliarden Euro pro Jahr.

Zu diesem Ergebnis kommt die neue McKinsey-Publikation „Das ‚80 Mrd. EUR‘-Update – Aktuelles Wertpotenzial von Digitalisierung und KI im deutschen Gesundheitswesen“. Die Analyse baut auf mehr als 500 Forschungsdokumenten, umfangreicher Projektevidenz und strukturierten Experteninterviews auf. Für das Update wurden zusätzlich knapp 150 aktuelle Publikationen ausgewertet. Erstmals quantifiziert die Analyse den zusätzlichen Nutzen von KI systematisch.

„Mit inzwischen mehr als zehn Milliarden Euro jährlich realisiertem Nutzen ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen spürbar im Versorgungsalltag angekommen. Anwendungen wie das E-Rezept zeigen, dass digitale Lösungen echten Mehrwert für Patientinnen und Patienten, Leistungserbringer und Kostenträger schaffen können“, sagt Kristin Tuot, Partnerin bei McKinsey und Co-Autorin der Publikation.

„Die Fortschritte zeigen, dass Digitalisierung ein entscheidender Schlüssel sein kann, um dem Fachkräftemangel, steigenden Kosten und dem wachsenden Versorgungsbedarf im Gesundheitswesen zu begegnen. Mit Künstlicher Intelligenz ist ein weiterer großer Werttreiber hinzugekommen. Das ist eine Chance, von der alle Menschen in unserem Land profitieren können“, erklärt Katharina Sickmüller, Partnerin bei McKinsey und Co-Autorin der Publikation.

KI schafft zusätzlichen Wert

Von den rund 80 Milliarden Euro noch zu erschließendem Nutzenpotenzial entfallen 22,8 Milliarden Euro auf KI. Sie beschleunigt bestehende digitale Prozesse und ermöglicht zugleich neue Anwendungen – von der automatisierten Dokumentation über klinische Entscheidungsunterstützung bis zur Steuerung von Patientenströmen sowie der Personal-, Kapazitäts- und Abrechnungsplanung.

Virtuelle Assistenten können Gespräche in der Versorgung in Echtzeit dokumentieren und für die elektronische Patientenakte aufbereiten. KI-Systeme können zudem Abrechnungsfehler erkennen, klinische Informationen strukturieren sowie Betten, Personal und Behandlungsabläufe vorausschauend steuern. Das reduziert administrative Lasten und schafft mehr Zeit für die unmittelbare Versorgung.

„Künstliche Intelligenz eröffnet die nächste Stufe der Digitalisierung. Sie kann Fachkräfte von Routinetätigkeiten entlasten, Informationen schneller nutzbar machen und die Steuerung von Personal, Kapazitäten und Behandlungen verbessern. Entscheidend ist, KI nicht als Zusatztool zu verstehen, sondern sie sinnvoll in die Abläufe der Versorgung zu integrieren“, sagt Kristin Tuot.

Der Nutzen entsteht vor allem durch höhere Produktivität: Über alle Bereiche hinweg entfallen 64 Prozent des Wertpotenzials auf Produktivitätssteigerungen, weitere 36 Prozent auf eine geringere Leistungsnachfrage – etwa durch digitale Triage, Fernüberwachung chronisch erkrankter Menschen und Prävention. Rund zwei Drittel des Gesamtpotenzials entfallen auf Leistungserbringer, rund ein Drittel auf Kostenträger.

Nutzung von Technologien ist entscheidend

Die nächste Etappe der Wertrealisierung entscheidet sich nicht mehr nur beim Zugang zu Technologien, sondern vor allem in der tatsächlichen Nutzung. Eine intensivere Nutzung bestehender digitaler Zugänge erschließt nach der Analyse rund zehnmal so viel Wert wie deren alleinige Ausweitung: 38,2 Milliarden Euro gegenüber 3,7 Milliarden Euro jährlich.

Besonders deutlich zeigt sich das an der elektronischen Patientenakte. Sie steht bereits einem Großteil der Bevölkerung zur Verfügung, wird im Alltag aber noch kaum befüllt oder aktiv genutzt. Durch ihre konsequentere Befüllung und Nutzung könnten 6,2 Milliarden Euro des noch verbleibenden ePA-Potenzials gehoben werden. Ein reiner Ausbau des Zugangs würde dagegen lediglich weitere 0,4 Milliarden Euro erschließen.

„Die Infrastruktur ist heute deutlich weiter als noch vor wenigen Jahren. Jetzt muss es darum gehen, digitale Anwendungen so zu gestalten und einzubetten, dass sie im Alltag von Patientinnen und Patienten, Praxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen tatsächlich helfen“, sagt Katharina Sickmüller.

„Dafür braucht es erstens mehr Nutzerinnen und Nutzer durch einfache Zugänge und Registrierung. Zweitens müssen Anwendungen ihren konkreten Mehrwert im Versorgungsalltag zeigen und regelmäßig genutzt werden. Und drittens müssen wir den systemischen Nutzen heben: Gesundheitsdaten sollten sicher und verantwortungsvoll genutzt werden, um die Versorgung besser zu steuern, Forschung zu stärken und Investitionen gezielter einzusetzen.“

Über die Studie

Die Studie basiert auf der Quantifizierung von 28 digitalen und KI-gestützten Technologien. Sie unterscheidet zwischen digitalen Basisanwendungen, KI-Erweiterungen bestehender Technologien und neuen, KI-nativen Anwendungen. Dazu zählen etwa prädiktive Bedarfs- und Kapazitätsplanung, KI-gestützte Mustererkennung, optimierte Dienst- und Personalplanung sowie die automatisierte Prüfung und Optimierung von Abrechnungsprozessen.