Künstliche Intelligenz verschiebt Wertschöpfung und Wettbewerb in Europa schneller als Unternehmen ihre Talentstrategien anpassen. Zu diesem Ergebnis kommt der neue McKinsey-Report „Women in Tech and AI in Europe: Can the region close its gender gap?“. Die Analyse zeigt: Fortschritte bei Ausbildungsabschlüssen schlagen sich nicht im gleichen Maße in der Beschäftigungsrealität nieder. Der Frauenanteil in Tech-Rollen ist in den vergangenen drei Jahren von 22% auf 19% gesunken. Gleichzeitig nimmt die Nachfrage nach Einstiegspositionen in den meisten Tech-Jobbereichen ab.
Wachstum entsteht vor allem in KI-, Daten- und Analytics-Rollen, die bislang überwiegend von Männern besetzt sind. „Europa steht vor einer strategischen Weggabelung: KI kann zum Wendepunkt werden, um Frauen gezielt in zukunftskritische Tech- und KI-Rollen zu entwickeln, wenn Unternehmen Qualifizierung, Karrierepfade und Führung entsprechend weiterentwickeln“, sagt Henning Soller, Co-Autor und Partner aus dem Frankfurter McKinsey-Büro.
Für den Report haben die Autor:innen aktuelle EU-27-Daten zur Tech-Workforce und Bildung ausgewertet und zusätzlich Profile und Jobkategorien aus LinkedIn-Daten (über 500 Unternehmen, 37 Länder; rund vier Millionen Profile) analysiert. Ergänzend wurden Workforce-Analysen von Getro und Findem (Scan von über 1,5 Mio. Profilen) sowie Interviews mit weiblichen Tech-Führungskräften in Europa herangezogen.
Drei strukturelle Engpässe im Talent- und Karrieresystem
Drei strukturelle Entwicklungen erklären, warum sich die Geschlechterlücke im Tech-Sektor trotz wachsender Qualifikation nicht automatisch schließt:
- Der Berufseinstieg als Engpass: Zwar steigt der Anteil von Frauen mit MINT-Abschlüssen (33 % Bachelor, 39 % PhD). Doch dieser Fortschritt zeigt sich kaum im Arbeitsmarkt: Gerade der Übergang vom Studium in eine Kern-Techrolle erweist sich als kritische Phase, in der viele gut qualifizierte Absolventinnen nicht dauerhaft in Tech-Berufen ankommen.
- Weniger Einstiegsmöglichkeiten in zentralen Tech-Feldern, besonders in solchen mit höherem Frauenanteil: Mit der Automatisierung durch KI sinkt die Nachfrage nach vielen Einsteigerprofilen. Dies gilt besonders für die Segmente Product Development (-17%) und Software Engineering (-13%). Einzig der Bereich KI, Daten und Analytics wächst im Einstiegssegment, wobei das Wachstum auf Seite der Männer (+11%) stärker ist als bei Frauen (+7%).
- Die ersten Sprossen der Karriereleiter sind brüchig: Über alle großen Tech-Jobbereiche nimmt der Frauenanteil mit steigender Seniorität und Verantwortung deutlich ab. Der stärkste Rückgang findet zwischen Einstiegsniveau und erster Führungsrolle statt (Rückgänge um 20–52%, je nach Jobfamilie). In Summe sind nur 13% der Tech-Managementrollen und 8% der Senior-Managementrollen (z. B. Director/C-Level) mit Frauen besetzt.
„KI-Wertschöpfung entsteht nicht allein durch Technologie, sondern durch Menschen in Schlüsselrollen. Unternehmen, die Frauen systematisch in wachsende Tech- und KI-Funktionen entwickeln, stärken ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig“, sagt Melanie Krawina, Co-Autorin und Associate Partnerin aus dem Wiener McKinsey-Büro.
Strukturelle Ursachen: Konzentration auf kleinere, weniger einflussreiche Rollen
Frauen sind in den Bereichen Produktmanagement (39%) und Design (53%) vergleichsweise stark vertreten. Allerdings machen diese zusammen nur einen kleineren Anteil der Tech-Belegschaft aus (Produkt ca. 10%, Design ca. 5%) und führen seltener in klassische C-Level-Pfade. Parallel sinkt die Gesamtnachfrage nach Produkt- (-2%) und Designrollen (-3%), insbesondere im Entry Level (-17% bzw. -11%).
Hinzu kommen kulturelle Barrieren und Diskriminierung: In der Women-in-Tech-Erhebung berichten 49% der Frauen von Sexismus oder Bias im vergangenen Jahr; 82% sagen, sie müssten mehr leisten als Männer, um anerkannt zu werden. Zudem leisten Frauen im Schnitt rund 200 Stunden pro Jahr zusätzliche, karriere-neutral bewertete Team- und Organisationsaufgaben (z. B. Koordination, Protokollführung oder informelles Mentoring)
Handlungsagenda entlang dreier Hebel
Um die KI-Wertschöpfung nachhaltig zu skalieren, müssen Unternehmen drei strukturelle Hebel gleichzeitig bewegen:
- Reculture – Führung in die Verantwortung nehmen: Führung in die Verantwortung nehmen: Führung konsequent an messbaren Ergebnissen in der Talententwicklung ausrichten (klare Ziele, regelmäßige Reviews, KPI-Verknüpfung), Meeting- und Entscheidungsrituale standardisieren, Bias reduzieren sowie Sponsoring systematisch verankern
- Realign Skills – KI- und Datenkompetenz als Basiskompetenz verankern und strukturierte Übergänge in wachsende Rollen ermöglichen: Unternehmen sollten entsprechende Fähigkeiten breit aufbauen, Weiterbildung konsequent mit realen Projekten verzahnen (z. B. projektbasierte Formate) und strukturierte Programme für den Wiedereinstieg in Tech-Berufe ausbauen. So könnten 140.000 bis 200.000 Frauen mit MINT-Hintergrund zusätzlich für Tech-Rollen aktiviert werden.
- Reimagine Operations – Karrierepfade unabhängig von informellen Netzwerken planbar und skalierbar machen: Standardisierte Return-to-Work-Modelle, transparente Rollenarchitekturen und moderne Elternzeitmodelle erhöhen die Durchlässigkeit. Sponsoring spielt eine zentrale Rolle: Frauen mit Sponsorinnen oder Sponsoren haben eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, dass ihre Ideen umgesetzt werden. Zudem steigt mit aktiver Fürsprache die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Vorschläge intern unterstützt werden, um 70%.