Europa droht bei den großen KI-Sprachmodellen den Anschluss zu verlieren, doch bei der Nutzung von KI in industriellen Umgebungen gibt es Gründe für Optimismus. So stiegen die Investitionen für KI-Anwendungen, die in der Realwirtschaft zum Einsatz kommen, im ersten Halbjahr 2026 auf rund 6,8 Mrd. Euro. Das ist fast so viel wie 8,1 Mrd. Euro im gesamten Jahr 2025 und 44% der Investitionen in den USA im gleichen Zeitraum. Im Jahr 2018 lag der Anteil von Investitionen in europäische Anwendungen noch bei 11% des US-Niveaus. Noch deutlicher zeigt sich die Aufholjagd bei den Investitionen in Startups, die industriespezifische, sogenannte vertikale KI-Anwendungen, entwickeln. Sie warben in Europa im ersten Halbjahr 2026 mit 68 Millionen Euro Mittel in Höhe von 67 Prozent dessen ein, was ihre US-Wettbewerber erhielten, nach lediglich 9 Prozent im Jahr 2018. Das zeigt eine neue Studie von McKinsey & Company und Boardwave, einer gemeinnützigen Community, die mehr als 2.500 Gründer, CEOs und Investoren der europäischen Softwarebranche zusammenbringt.
„Bei künstlicher Intelligenz liegt Europas größte Chance in ihrem Einsatz in industriellen Umgebungen. Hier haben die europäischen Unternehmen ihre grüßten Stärken hat: tiefes Branchenwissen, Erfahrung in anspruchsvollen Märkten, und exzellente Forschung. Die Investitionsdaten zeigen, dass der Markt diese Chance zunehmend erkennt“, sagt Martin Wrulich, Senior Partner bei McKinsey & Company.
Sechs Branchen führen Europas Aufholjagd an
Die Investitionen konzentrieren sich stark. Mehr als 94 Prozent der europäischen Mittel für industriespezifische KI fließen in nur sechs Branchen: klassische Industrie, Energie und Klima, Verteidigung und Sicherheit, Transport, Mobilität und Logistik, Recht und Compliance, Gesundheit und Life Sciences sowie Finanzdienstleistungen und Versicherungen. Diese Bündelung stärkt die jeweiligen Ökosysteme und schafft die Voraussetzung für global wettbewerbsfähige Unternehmen.
Im weltweiten KI-Wettlauf zeichnet die Analyse ein differenziertes Bild. Bei den Basismodellen sowie in der kapitalintensiven Plattform- und Infrastrukturebene bleibt Europa deutlich hinter den USA zurück. Auf der Anwendungsebene jedoch, wo KI in konkreten Geschäftsprozessen und Branchen zum Einsatz kommt, werben europäische Unternehmen zunehmend auf Augenhöhe Kapital ein. Industriespezifische KI setzt genau die Eigenschaften voraus, die europäische Unternehmen seit Langem auszeichnen: tiefes Branchenwissen, Zugang zu komplexen Abläufen und Daten sowie die Fähigkeit, in stark regulierten und fragmentierten Märkten zu arbeiten. Unternehmen wie Helsing im Bereich Verteidigung, Wayve bei der Mobilität und Legora im Rechtsbereich zählen bereits zu den 100 wertvollsten Technologieunternehmen Europas, im Schnitt nur vier Jahre nach ihrer Gründung.
Dass die Wertschöpfung mit der Reife einer Technologie zur Anwendungsebene wandert, zeigt der Blick auf frühere Zyklen: Im Internet- und Cloud-Ökosystem entfielen am Ende rund 70 Prozent des Werts auf Anwendungen, im Mobilfunk sogar 85 Prozent.
Über die Analyse
Die Analyse ist das zweite gemeinsame Forschungsprojekt von McKinsey & Company und Boardwave nach „Europe’s Moonshot Moment“ aus dem Jahr 2025. Sie verbindet eine quantitative Auswertung von Wagniskapital mit Interviews von mehr als 30 europäischen Tech-Gründerinnen und -Gründern, CEOs, Investoren und Vertretern der Branche. Die Finanzierungsanalyse stützt sich auf eine proprietäre McKinsey-Datenbank, die Daten von Dealroom, PitchBook, Gain und McKinsey-eigenen Quellen zusammenführt und Wagniskapitalinvestitionen zwischen 2018 und dem ersten Halbjahr 2026 in Europa und den USA abdeckt. Europa umfasst dabei Großbritannien sowie Nicht-EU-Märkte wie die Schweiz und Norwegen.