McKinsey-Studie: Wie Österreichs Wirtschaft wieder stärker wachsen kann

Acht Wachstumsfelder: Unternehmen können bis 2025 bis zu 31 Milliarden Euro Umsatzplus erzielen – Chancen durch Strukturbrüche und globale Trends, Digitalisierung und neue Absatzmärkte – Nachholbedarf bei den Themen Bildung, Arbeitsmarkt und Unternehmertum

Perspektive ÖsterreichÖsterreichs Wirtschaft hat nach Jahren mit stagnierendem Wachstum und zuletzt steigenden Arbeitslosenzahlen wieder die Chance, auf den Wachstumspfad zurückzukehren. Wenn Unternehmen gezielt die Möglichkeiten nutzen, die sich durch Trends wie Globalisierung, den demografischen Wandel, Digitalisierung, Automatisierung oder Ressourceneffizienz ergeben, können sie bis 2025 ein zusätzliches Umsatzpotenzial von bis zu 31 Milliarden Euro erschließen. Dies entspricht einer zusätzlichen Wertschöpfung von mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig hat Österreich im europäischen Vergleich aber auch Nachholbedarf bei zentralen Themen wie Bildung, am Arbeitsmarkt und in der Unterstützung von Unternehmensgründern. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer neuen Studie von McKinsey & Company mit dem Titel „Perspektive Österreich – Wandel. Chancen. Impulse.“ Die Unternehmensberatung hat die Studie auf eigene Initiative – also ohne Auftraggeber – erstellt. Damit will McKinsey einen faktenbasierten Beitrag leisten zur Debatte über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes.

„Neue Absatzmärkte, die weltweite Vernetzung, die wachsende Bedeutung von Energie- und Ressourceneffizienz und neue Technologien bieten Österreich enorme Chancen“, sagt Stefan Helmcke, Leiter des Wiener McKinsey-Büros und Co-Autor der Studie. „Das Land ist grundsätzlich sehr gut aufgestellt, um in diesen Bereichen nachhaltiges Wachstum zu erzielen.“ Das größte zusätzliche Umsatzpotenzial mit bis zu 14 Milliarden Euro bietet sich Österreichs Unternehmen durch Industrie 4.0-Technologien wie Sensorik, Big Data und die digital vernetzte Produktion („Internet der Dinge“). Weitere Wachstumsfelder und ihr Umsatzpotenzial: Aufbau und Management erneuerbarer und dezentraler Energieanlagen (bis zu 3,5 Milliarden Euro), Entwicklung hochwertiger, ultrastarker und -leichter Materialien in der Metallindustrie (bis zu 2,5 Milliarden Euro), effiziente Gesundheitsversorgung und Biotech-Forschung (bis zu 2,5 Milliarden Euro), neue Angebote an Pflegedienstleistungen für eine gesund alternde Gesellschaft (bis zu 5 Milliarden Euro). Im Handel, im Bank- sowie im Versicherungssektor lassen sich zudem durch Digitalisierung und Online-Angebote zusätzliche 3,5 Milliarden Euro Umsatzpotenzial erschließen. Neben dem Wachstumsaspekt bieten neue Technologien auch Einsparpotenziale von insgesamt bis zu 18 Milliarden Euro. Die Realisierung dieses Potenzials nimmt dabei in dem Maß zu, wie notwendige Veränderungen aktiv angegangen, Investitionen getätigt und Reformen in naher Zukunft umgesetzt werden.

Gute Infrastruktur, wenig Gründer

McKinsey hat für die Studie auch das Abschneiden Österreichs bei 20 Zukunftsindikatoren betrachtet, die zentral sind für das weitere Wirtschaftswachstum. Das Ergebnis: Das Land schneidet im europäischen Vergleich sehr gut ab bei Indikatoren wie der Qualität der Infrastruktur, der niedrigen Jugendarbeitslosigkeit, den Investitionen in Forschung & Entwicklung oder der Patentrate. Doch in einigen Indikatoren belegt das Land nur hintere Plätze: Bei der Bildungsmobilität etwa, also dem Indikator, der misst, wie viele Menschen einen höheren Bildungsabschluss schaffen als ihre Eltern, ist Österreich Schlusslicht. Nur 2,7 Prozent der Studierenden kommen aus einem Elternhaus ohne Sekundarabschluss. Zuwanderer werden vergleichsweise schlecht in den Arbeitsmarkt integriert, die Erwerbstätigenquote der über 50-Jährigen ist mit 49 Prozent im internationalen Vergleich niedrig. Schwach auch die Startup-Quote: Mit 2,5 Gründungen pro 1.000 Einwohner belegt Österreich nur Rang 15 von 16. Und gelingt eine Unternehmensgründung, sammelt sie weit weniger Venture Capital ein als Newcomer in Ländern wie Deutschland oder Schweden. „Österreich hat viele Stärken und eine gute Ausgangsbasis, verschenkt aber noch zu viel Potenzial“, resümiert Emanuel Schamp, Partner im Wiener McKinsey-Büro und Co-Autor der Studie.

Erfolgsfaktoren und Impulse für den Wandel

Wie kann Österreich auf den Wachstumspfad zurückkehren? Als Erfolgsfaktoren nennt die Studie u.a. eine engere Vernetzung von Hochschulbildung und Industrie sowie mehr digitale Praxis in den Schulen z.B. durch den Einsatz von Laptops oder Tablets und die gezielte Nutzung des Internets im Unterricht. Voraussetzung für eine leistungsfähige Infrastruktur seien zudem der Ausbau des schnellen Internets, die Vereinfachung von Genehmigungsprozessen und die stärkere Einbeziehung privater Investoren in öffentliche Vorhaben.

Die McKinsey-Autoren liefern zudem Impulse für den Wandel – konkrete Initiativen, die pragmatisch und ohne großen bürokratischen oder politischen Aufwand umsetzbar sind. Dazu zählt die Gründung eines Netzwerks zur gezielten Förderung von Kindern, die als Erste in ihrer Familie einen Studienabschluss anstreben. Um Österreichs führende Position in der Metallindustrie und im Anlagenbau zu halten, schlägt McKinsey die Einrichtung von „Innovation Labs“ an Universitäten vor, die ausgewählte Studierende dabei unterstützten, Ideen aus der Forschung bis zur Marktreife weiterzuentwickeln. Die Gründerszene in Österreich könnte außerdem durch den Aufbau eines gemeinsamen Fonds für Venture Capital von österreichischen Industrieunternehmen und Banken unterstützt werden.

Methodik der Studie

Für die Studie wertete McKinsey über 100 Analysen zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Österreich und vergleichbaren Regionen aus, ergänzt um eigene erprobte Regionalentwicklungsmodelle. Zudem wurden mehr als 30 Interviews mit hochrangigen österreichischen Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft geführt. Zur Analyse der für Österreich relevanten globalen Trends und Strukturbrüche dienten Studien des McKinsey Global Institutes.