Europa steht vor einem strukturellen Paradoxon: Trotz historisch hoher Verteidigungsbudgets und bereits unterzeichneter Verträge bleibt die tatsächliche Produktion hinter den sicherheitspolitischen Ambitionen zurück. Während die Verteidigungsbudgets steigen, hinkt der Ausbau der industriellen Fertigungskapazitäten der finanziellen Dynamik deutlich hinterher.
Daher besteht das Risiko, dass die bereitgestellten Mittel nicht zeitnah in tatsächliche Verteidigungsfähigkeit übersetzt werden können. Die Dimension dieser Diskrepanz wird beim Blick auf die makroökonomischen Ziele deutlich. Legt man den formellen NATO-Beschluss von bis zu 5% des Bruttoinlandsprodukts bis 2035 zugrunde – wovon 3,5% in direkte Kernverteidigungsausgaben fließen müssten –, entsteht ein massiver Kapitalfluss. Das bedeutet für Europa einen zusätzlichen jährlichen Bedarf an Personal und Ausrüstung im dreistelligen Milliarden-Euro-Bereich.
Zwar steht zunehmend Kapital bereit – es trifft jedoch auf eine Industrie, die bereits an ihrer Kapazitätsgrenze operiert. Wie stark die globale Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie ausgelastet ist, verdeutlicht exemplarisch deren ziviler Sektor: Bei aktuellen Produktionsraten reicht der weltweite Auftragsstau 12 bis 14 Jahre in die Zukunft. Airbus beispielsweise verzeichnete im April 2026 einen Rekord-Auftragsrückstand von über 9.000 Flugzeugen.
Selbst ohne zusätzlichen militärischen Bedarf bräuchte die Industrie somit weit über ein Jahrzehnt, um die bestehenden Bestellungen abzuarbeiten. Neue Rüstungsprogramme und zivile Bedarfe konkurrieren daher direkt um dieselben knappen Ressourcen, Fachkräfte und Produktionskapazitäten. Die sicherheitspolitischen Konsequenzen dieses industriellen Engpasses sind gravierend: Gelingt der Produktionshochlauf nicht schneller, stehen die Wirksamkeit und die Glaubwürdigkeit der kollektiven europäischen Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit auf dem Spiel – und das in einem hochgradig volatilen geopolitischen Umfeld.
Ein fundamentaler Paradigmenwechsel ist daher unerlässlich, um die bereitgestellten Mittel zügig in reale Kapazitäts- und Produktionssteigerungen fließen zu lassen. Für führende Hersteller (OEMs) bedeutet dies, massiv in den Ausbau eigener Fertigungs- und Lieferkettenressourcen sowie in neue Fähigkeiten zu investieren. Dementsprechend sollte sich das strategische Leitbild der Lieferkette grundlegend wandeln: weg von einer Auszehrung der Lieferkette („draining the supply chain“) hin zu einer gezielten Stärkung und Investitionsflutung („flooding the supply chain“).
Erste Branchenvorreiter demonstrieren bereits, wie diese Transformation gelingen kann – durch langfristig garantierte Abnahmeverträge, strategische Joint Ventures und den gemeinsamen, beschleunigten Aufbau neuer Produktionsstätten. Gleichzeitig stehen die Zulieferer in der Pflicht: Statt defensiv darauf zu verweisen, dass Kapazitätssteigerungen primär von OEM-Investitionen abhängen, müssen sie proaktiv eigene Voraussetzungen schaffen – beispielsweise durch den Aufbau einer dedizierten Go-to-Market-Organisation für den Verteidigungssektor. Damit dieser Wandel branchenweit gelingt und die Produktion kurz- bis mittelfristig signifikant steigt, können Akteure der Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie verschiedene, sich gegenseitig verstärkende Maßnahmen ergreifen. Diese lassen sich in zwei primäre Handlungsfelder unterteilen: erstens die Erweiterung der eigenen Kapazitäten und Ressourcen sowie zweitens die Intensivierung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit zentralen Stakeholdern.
Die vollständige Studie steht zum Download zur Verfügung.