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Energiewende-Index

Der Energiewende-Index von McKinsey bietet alle sechs Monate an Hand von 15 Indikatoren einen Überblick über den Status der Energiewende in Deutschland. Konkret geht es um die Frage, wie realistisch es ist, dass die für 2030 gesteckten Ziele erreicht werden. Feedback und Rückmeldung dazu sind ausdrücklich erwünscht und werden bei der Aktualisierung des Index berücksichtigt, sofern es um öffentlich zugängliche Fakten geht.

Überblick

Bereits seit 2012 untersucht McKinsey mit dem Energiewende-Index halbjährlich den Status der Energiewende in Deutschland entlang der drei Dimensionen des energiewirtschaftlichen Dreiecks: Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Innerhalb dieser Dimensionen werden insgesamt 15 Indikatoren analysiert und immer daraufhin bewertet, inwieweit sie ihre aktuell notwendigen Etappenziele mit Blick auf die Klimaziele 2030 erreicht haben.

Die Analyse im Frühjahr 2022 zeigt: Um die von der Bundesregierung angehobenen Ausbauziele für Erneuerbare Energien zu erreichen und den durch die Energiewende steigenden Strombedarf zu decken, muss der Ausbau von Wind- und Solarkraft bis 2030 viel schneller erfolgen als bisher: Die Ausbaugeschwindigkeit von Windparks an Land muss sich in den nächsten acht Jahren verdoppeln, auf See verdreifachen und die von Solaranlagen vervierfachen. Insgesamt gilt es, einen Mehrbedarf von aktuell 200 GW aus erneuerbaren Energien zu decken. Aktuelles Fazit für den Index: Nur noch drei der 15 untersuchten Indikatoren sind in ihrer Zielerreichung stabil realistisch – sieben stehen auf der Kippe, fünf sind unrealistisch. Mögliche Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Energieversorgung in Deutschland sind dabei noch nicht berücksichtigt.

„Um den Wegfall von Stromkapazitäten durch den bislang geplanten Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft zu kompensieren und weiterhin Versorgungssicherheit zu gewährleisten, wird zudem der Bau von zwei bis drei neuen, flexibel einsetzbaren Kraftwerken pro Jahr nötig sein“, erläutert McKinsey Senior Partner Thomas Vahlenkamp die Analyse. Hierfür kommen vor allem Gas- bzw. mittelfristig Wasserstoffkraftwerke in Betracht; ein Teil der Kapazität könnte allerdings auch durch den Neubau von Biomassekraftwerken gedeckt werden. 

Umsetzung der Klimaziele erhöht Strombedarf in den Wirtschaftssektoren

Die konsequente Umsetzung der neuen Klimaziele erhöht auch den Strombedarf in den Wirtschaftssektoren. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung zuletzt auch ihre Strombedarfsprognose für 2030 von ursprünglich 520 Terrawattstunden (TWh) auf jetzt 715 TWh nach oben korrigiert. Verkehr, Wärme und Industrie sind McKinsey zufolge die Industriesektoren mit dem größten zusätzlichen Strombedarf in diesem Jahrzehnt. Bis 2030 strebt die Bundesregierung 15 Mio. vollelektrische Pkw an. Damit kommt der Sektor auf einen zusätzlichen Strombedarf von über 40 TWh (plus 7% gegenüber 2021). 

Die Hälfte des Wärmebedarfs soll nach den Plänen der Politik bis 2030 mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Deren Anteil lag 2020 jedoch noch bei knapp 15,6%. Um die Lücke zu den geplanten 50% zu schließen, müssten mehr Gebäude saniert und mit Wärmepumpen ausgestattet werden. Für das Jahr 2021 meldet der Bundesverband Wärmepumpe einen Absatz dieser klimafreundlichen Wärmetechnologie von 154.000 Stück. Der Verkauf müsste jedoch auf jährlich fast eine halbe Million ansteigen, wenn das Ziel des Bundeswirtschaftsministeriums von 4,1 bis 6 Mio. Wärmepumpen in 2030 erreicht werden soll. Der zusätzliche Strombedarf, der hierdurch entsteht, läge nach ersten Schätzungen bei über 20 TWh (plus 4% gegenüber 2021). 

In den energieintensiven Industrien sind die Auswirkungen auf den Stromverbrauch relativ schwer abzuschätzen, hauptsächlich auf Grund ihrer heterogenen Struktur und unterschiedlicher Dekarbonisierungspfade in den einzelnen Branchen. Tatsächlich könnte die Dynamik des Sektors und der damit verbundene Strombedarf noch deutlich größer ausfallen als aktuell angenommen. Ein Beispiel: Der Verband der Chemischen Industrie geht davon aus, dass der Verbrauch seiner Mitglieder um das 11-fache von aktuell 54 TWh auf über 600 TWh in 2050 steigen wird. Allein die chemische Industrie könnte dann mehr Strom verbrauchen als Deutschland gegenwärtig insgesamt.

Höherer Strombedarf erfordert schnelleren Ausbau der Erneuerbaren

Aktuell betreibt Deutschland Windkraftanlagen an Land mit einer Kapazität von 56 GW. Für 2030 sind 100 GW vorgesehen. Dafür müsste die jährliche Ausbaurate auf 4 bis 5 GW verdoppelt werden. Weitere Anreize für Hauseigentümer könnten nach Ansicht von McKinsey helfen, Solaranlagen auf Neu- und Bestandsgebäuden zu errichten. Aktuell sind Solaranlagen mit einer Gesamtkapazität von rund 59 GW installiert. Die neue Bundesregierung strebt nun eine Vervierfachung auf 200 GW bis 2030 an. 
Um dieses Ziel zu erreichen, wäre ein Ausbau der Solarkapazität von über 15 GW pro Jahr nötig. In den vergangenen zehn Jahren waren es im Durchschnitt etwa 4 GW. Das Gesamtpotenzial für häusliche Solaranlagen in Deutschland wird auf ungefähr 240 GW geschätzt. Prinzipiell umsetzbar wäre das ambitionierte Solarausbauziel demnach schon – jedoch nur, wenn das Solarpotenzial der Privathäuser wesentlich stärker als bisher ausgeschöpft wird und zugleich auch bislang ungenutzte Gewerbe- und Freiflächen einbezogen werden.

Energiewende-Index
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Energiewende-Index März 2022 : die 15 Indikatoren im Überblick

Im aktuellen Energiewende-Index sind drei Indikatoren in ihrer Zielerreichung bis 2030 realistisch: Der Haushaltsstrompreis ist erstmals seit Jahren wieder im realistischen Zielkorridor, d.h., die Abweichung vom europäischen Durchschnitt liegt wieder auf dem Niveau des Index-Startjahres 2012. Grund ist jedoch der Vergleich zur Preisentwicklung in den europäischen Ländern, den der Indikator abbildet: Demnach lag der hiesige Haushaltsstrompreis Ende 2021 nur noch 22,7% über dem europäischen Durchschnitt; ein Jahr zuvor betrug die Differenz noch 48%. Dass sich die Schere nun schneller schließt als erwartet, liegt am massiven Preisanstieg von 38% im Ausland, während der Strom in Deutschland 2021 nur um 10% teurer wurde. Ob der Indikator in seiner Zielerreichung realistisch bleibt, ist jedoch fraglich: Höhere Erdgaspreise dürften den Haushaltsstrompreis 2022 nach oben treiben. Allerdings könnte der geplante Wegfall der EEG-Umlage mittelfristig zumindest teilweise wieder entlastend wirken.

Für den Indikator Verfügbare Kapazität für Import aus Nachbarländern wurden bislang keine neuen Daten vorgelegt. Damit verbleibt dieser Indikator im realistischen Bereich: Bei Bedarf kann Deutschland aus seinen Nachbarländern genügend Strom importieren und hat dafür auch die technischen Kapazitäten. Auch für den  Ausfall Stromversorgung gilt: Zielerreichung absehbar positiv:  Im Startjahr 2012 betrug der Ausfall noch 17 Minuten, 2021 sogar nur 10,7 Minuten im Jahr. 

Sieben Indikatoren stehen auf der Kippe

Sieben der momentan noch als realistisch eingestuften Indikatoren stehen mittelfristig auf der Kippe. Der CO2e-Ausstoß stieg nach ersten Hochrechnungen 2021 um rund 
33 Mio.t auf 772 Mio. t CO2e – eine Verschlechterung von 4,5% gegenüber dem ersten Corona-Jahr 2020. Laut Agora Energiewende ist der Emissionsanstieg vor allem auf vermehrte Kohleverstromung und wieder höheren CO2-Ausstoß in der Industrie zurückzuführen. Beide Faktoren gehen auf die gesamtwirtschaftliche Erholung zurück. Damit wird das 2020-er-Ziel von 750 Mio. t, das im Pandemiejahr 2020 noch erreicht wurde, wieder deutlich verfehlt. Um auf den Reduktionspfad bis 2030 zurückzukehren, müssten von nun an pro Jahr rund 37 Mio. t CO2 eingespart werden.– in den vergangenen zehn Jahren gingen die Emissionen im Schnitt um weniger als 15 Mio. t pro Jahr zurück. 

Der Primärenergieverbrauch ist 2021 gegenüber dem Vorjahr stark gestiegen – von 11.890 auf 12.193 Petajoule. Auch dieser Anstieg lässt sich auf die wirtschaftliche Erholung und die nachlassenden Corona-Effekte zurückführen. Der EE-Anteil am Bruttostromverbrauch sinkt von 45% in 2020 auf nur noch 42% in 2021. Der Rückgang ist vor allem auf einen gestiegenen Strombedarf und ungünstige Witterungsverhältnisse zu Beginn des Jahres 2021 zurückzuführen. Obwohl der Ausbau der Erneuerbaren bereits seit Längerem stockt, war die Zielerreichung des Indikators bisher nicht in Gefahr. Mit dem neuen Ziel der Bundesregierung, den EE-Anteil bis 2030 auf 80% zu erhöhen, wird es jedoch zunehmend unwahrscheinlich, dass Deutschland auf dem Zielpfad bleibt. 

Der Anteil der Gesamtenergiekosten Haushalte am Gesamtwarenkorb der Verbraucher stieg zuletzt von 9,8% auf 10,3% und durchbricht damit die angepeilte Grenze von 10,1%. Grund hierfür sind gestiegene Preise für Kraftstoff, aber auch für Erdgas. Im Schnitt zahlte ein vierköpfiger Haushalt 2021 rund 260 € mehr für Energie als im Jahr zuvor.

Für die Indiktoren Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien und EE-Anteil am Bruttoendenergieverbrauch liegen noch keine neuen Daten vor. Ebenfalls unverändert bleibt die gesicherte Reservemarge. Der geplante Kohle- und Atomausstieg jedoch wird die gesicherte Kapazität in den kommenden Jahren sukzessive schrumpfen lassen. Bis 2030 werden voraussichtlich rund 25 GW Leistung vom Netz gehen – bei einem früheren Kohleausstieg zum Ende dieses Jahrzehnts stünden sogar 52 GW weniger zur Verfügung als 2021. 

Fünf Indikatoren mit unrealistischer Zielerreichung 

Sektorkopplung Wärme: Der Anteil der Erneuerbaren am ⁠Endenergieverbrauch⁠ im Bereich Wärme und Kälte lag 2021 bei 14,8% und hat sich damit seit 2015 um weniger als einen Prozentpunkt verbessert. Bisher befand sich der Indikator trotzdem noch auf dem Zielpfad, da für 2030 lediglich 27% EE-Anteil vorgegeben wurden. Mit der Anhebung des Ziels auf 50% fällt der Erreichungsgrad nun aber auf 58% und damit in die Kategorie „unrealistisch“.

Der Indikator Sektorkopplung Verkehr hat sich auf Grund der neuen Ziele der Bundesregierung verschlechtert: Statt wie bisher sieben Mio. Elektrofahrzeuge sollen es nun 2030 bereits 15 Mio. sein. Zwar übersprang die Zahl der Zulassungen 2021 erstmals die Millionenmarke – ein Plus von 140% im Vergleich zum Vorjahr. Ganz unerreichbar ist das 2030-er-Ziel dennoch nicht, da die E-Mobilität derzeit exponentiell wächst, während der Energiewende-Index in seiner Berechnung von einer linearen Entwicklung ausgeht. 

Die Kosten für Netzeingriffe sind mit aktuell 9,6 Euro pro MWh weiter denn je von ihrem 1-Euro-Ziel entfernt. Gegenüber 2020 hat sich dieser Wert auf Grund gestiegener Redispatch-Maßnahmen noch einmal deutlich verschlechtert: Die Gesamtkosten für Netzengpassmaßnahmen lagen allein im ersten Halbjahr 2021 bei über 800 Mio. Euro. 

Kaum weitere Fortschritte gab es beim Indikator Ausbau Transportnetze: Zwar wurden in den vergangenen beiden Quartalen rund 150 km fertiggestellt; die Gesamtlänge beträgt jetzt 1.848 km. Allerdings bleibt der Ausbau weit hinter dem Zielwert von 4.400 km zurück. Der Industriestrompreis ist im ersten Halbjahr 2021 in Deutschland weniger stark gestiegen als im Ausland, liegt aber immer noch 37% über dem europäischen Durchschnitt (Vorhalbjahr: 44%). 
 

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